Volksverrat

Der deutsche Stammtisch, dort wo sich die Volksseele noch ungezwungen und ohne Korrektheitsdiktat ungegendert artikulieren kann, findet keine Ruhe. Ilkay Gündoğan und Mesut Özil müssten erst einmal die Nationalhymne dreimal rauf und runter singen, bis Bundesjogi sie auch nur wieder in die Nähe eines Fußballplatzes lassen dürfe, sind noch die harmlosesten Aussagen. Die gemäßigt deutschen Politiker der bürgerlichen Parteien und des DFB dagegen bemühten sich, dieser Angelegenheit nicht allzu viel Raum zu geben in Anbetracht der großen Aufgabe, die vor der deutschen Nation liegt (der Weltmeistertitel wird auch am Hindukusch verteidigt). Sie ereiferten sich nur kurz an einer vermeintlichen Werteverfehlung, wie sie es gerne vor der Kamera tun, um sich anschließend im Hinterzimmer dem Wesentlichen zu widmen, bspw. der Absprache von militärischen Kooperationen gegen Kurdistan. Der kleine Mann dagegen spürt ganz instinktiv und ohne lange nachzudenken, wo hier das eigentliche Problem ist: Volksverrat. Unter Luther hät‘s das nicht gegeben.

Die Wecker

1.
Der Wecker klingelt nicht sondern spielt eine Melodie, weil er ein Smartphone ist. Ein Smartphone ist ein Telefon, dass so clever ist, dass es auch andere nützliche Alltagsaufgaben effizient und unterhaltsam löst. „Wer sich von klingelnden Weckern wecken lässt, geht wohl auch noch zum Arbeiten in die Fabrik.“, denkt Tim und geht in die Agentur, zum Arbeiten. Sein Wecker ist nun ein Tracker, der die Schritte zählt, die er auf seinem Arbeitsweg zurücklegt, denn was nicht registriert ist, existiert nicht. „Das ist nicht die DDR, das ist Technik.“ sinniert Tim klug, dem alles Totalitäres grundsätzlich ein Graus ist. In der Agentur angekommen zeigt das Smartphone an, zufrieden mit seiner Bewegungsaktivität zu sein. Er freut sich, dass jemand mit ihm zufrieden ist. Weil er auch ein bisschen Stolz auf seine Aktivität ist teilt das Resultat mit seinem elektronischen Umfeld. Hinter diesem Umfeld verbergen sich Freunde, Halb-Freunde, Kollegen, Bekannte, entfernte Bekannte und Unbekannte. Es ist in Ordnung, sich während der Arbeitszeit auch privat in den sozialen Medien zu bewegen, findet Tims Chef Uwe. Uwe meint, dass das hier schließlich keine Fabrik sei, sondern eine Agentur, und dass das Smartphones auch während der Arbeit zum ganz normalen Alltag dazugehören. Überhaupt seien Arbeit und das sogenannte normale Leben nicht unterscheidbar, weil heutzutage unweigerlich alles zusammen gehöre. Uwe ist zufrieden mit Tims Arbeitsleistung, aber er kann ihm wegen der gesamtwirtschaftlich etwas instabilen Lage keine Gehaltserhöhung geben. Tim versteht das, denn an Uwes Stelle würde er genau so handeln. Außerdem ist Uwe immer fair und kollegial, ganz so wie ein Chef sein sollte. Dass rechnet Tim ihm hoch an und er ist zum wiederholten Male froh, nicht in einer Fabrik arbeiten zu müssen. Überhaupt kann von arbeiten-müssen keine Rede sein, denn Tim arbeitet gerne in der Agentur weil ihm hier die Chance gegeben wird, tolle Projekte zu realisieren, die immer am Puls der Zeit sind. Und wenn er ehrlich ist gibt seine Freizeit auch nicht viel her. Aber wenn er will kann er auch mal länger in der Agentur bleiben, das ist gar kein Problem und da hat jeder Verständnis für. Einige Kollegen haben Haustiere oder Lebenspartner, aber Tim hat so etwas nicht. Wenn sein Akku abends leer ist kann er sein Smartphone auch in der Agentur aufladen, dafür hat er extra ein zweites Ladekabel in die Mehrfachsteckdose unter seinem Schreibtisch gesteckt. Er ist natürlich auch am Wochenende für die Agentur erreichbar, aber manchmal ruft gar keiner an, was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn man sieht sich ja spätestens Montag wieder. Gerne geht Tim auch auf die Afterwork-Parties und Team-Events. Zunächst war er skeptisch, ob er sich mit den Kollegen privat auch so gut verstehen würde, aber diese Sorgen ließen sich schnell zerstreuen denn es gibt immer ausreichend Gesprächsthemen wie Smartphones allgemein, Smartphone-Tarife, Smartphone-Schutzhüllen und Smartphone-Versicherungen. Wenn fachliches und privates so zusammenkommen gewinnen am Ende immer alle. Tim mag Win-Win-Situation genauso gerne wie sein Chef Uwe. Überhaupt ist der Uwe ein toller Chef, der weiß, wie er mit Menschen umgehen muss, so dass alle eingebunden sind. Das macht er gut.
Eines Tages wird Tim auf dem Nachhauseweg von einem Kleinwagen erfasst und schwer verletzt werden. Er wird noch am Unfallort sterben. Aber Tim wird Glück im Unglück haben: Ein Passant wird diesen Unfall zufällig filmen und dadurch wird Tim für immer auf den Internet-Plattformen dieser Welt weiter leben. Weiterlesen “Die Wecker”

Dumm

Der dumme Mensch,
sich von Allgemeinplätzen nährend,
sie verschlingend, verdauend,
seine Haut.

Der Kreislauf der Dummheit
einen Sog erzeugend,
alles zerreißend, ertränken,
kein Entrinnen.

Der Einsame,
sich windend,
mäandernd,
allein.

Alle Jahrhunderte wieder.

In letzter Zeit höre ich immer wieder, dass Daten, sog. Big Data, das Öl des 21. Jahrhunderts seien. Heißt das jetzt, dass wieder 100 Jahre Kriege geführt werden um eine Menge Schwachsinn herzustellen und am Ende ist die Umwelt im Arsch? Weltgeschichtliche Tatsachen scheinen sich tausendfach zu wiederholen: Einmal als Tragödie und dann immer wieder als Farce.

Faire Löhne für Bio-Bienen

Während im Mittelmeer Ausländer ertrinken führt auch innerdeutsches Leben mitunter zu Schwierigkeiten und wirft verzwickte Fragen auf, zu beobachten beispielsweise an einem preisbewussten Verbraucherpärchen im Aldi: Bio-oder Fair-Trade-Honig, sie können sich nicht entscheiden. „Warum kann es nicht Bio-Fair-Trade Honig geben“, stößt sie unvermittelt aus. Recht hat sie: Zahlt deutschen Bio-Bienen endlich faire Löhne.

Fortschritt

Die Menschen, die Tag ein, Tag aus so hart an und für den Fortschritt arbeiten, sollten vielleicht eine Zeit inne halten um sich fünf Fragen zu beantworten: Was ist Fortschritt? Ist Fortschritt gut? Was ist gut? Ist Fortschritt gut? Was ist Fortschritt?
Dies könnte ohne weiteres ein paar Monate, vielleicht Jahre dauern. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, von dem jede und jeder gut leben kann, könnte bei einem solchen Unterfangen in einem doppelten Sinn hilfreich sein: Als Existenzsicherung einerseits und als Beispiel für eine Fortschrittlichkeit andererseits, die deshalb gut ist, weil sie von einem selbst auferlegten und damit unnötigem Zwang befreit.

Nachbarschaftshilfe

Ich höre Schreie. Erst vernehme ich sie noch notdürftig unterdrückt, dann lauter, schließlich scheinen sie gänzlich unkontrolliert heraus zu brechen. „Wann bringt er sie endlich um? Oder sie ihn?“, frage ich mich genervt. Eine Tür knallt. Für kurze Zeit ist es ruhig, dann höre ich wieder Gebrüll, etwas leiser diesmal. Wahrscheinlich setzen sie den Streit im hinteren Zimmer fort, nachdem sie das erste bereits verwüstet haben. Ich höre trotzdem jedes Wort, ob ich will oder nicht. Ich will nicht. Ich will schlafen, jetzt um halb zwei. Wieder knallt eine Tür, diesmal wackelt das ganze Haus. „Nun ist endlich Ruhe“, denke ich, denn das war die Wohnungstür. Das Schema ist mir bereits vertraut, es wird mehrmals in der Woche abgespielt. Aber diesmal ist der Ablauf anders: Erstens war der Streit deutlich kürzer als sonst und zweitens fehlen nach dem Zuschlagen der Wohnungstür die Geräusche, die auf ein Aufräumen oder Zusammenkehren von Scherben oder Ähnlichem schließen lassen. „Warum trennen sie sich eigentlich nicht, das ist doch ganz offensichtlich die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden?“, denke ich reflexartig, obwohl es mich eigentlich gar nicht interessiert. Aber ich kann ich nicht schlafen und weiß nicht, wohin ich meine Gedanken steuern soll. Über mein eigenes Leben nachzudenken vermeide ich, vor allem um diese Uhrzeit. Mittlerweile ist es viertel vor Zwei und ich bin so müde, dass ich nicht mehr gerade liegen kann. Von Minute zu Minute werden die Beine leichter und der Kopf schwerer. Die Wirkung der Feierabendbiere ist mittlerweile verpufft, der Magen leer und die Blase voll. Auf gar keinen Fall will ich jetzt auf die Toilette gehen. Allein der Gedanke an das helle Licht im Bad und die kalte, nackte Klobrille ist mir unerträglich. Ich bin gut darin, unabweisbare Bedürfnisse zu ignorieren und versuche meine Gedanken auf etwas Nebensächliches zu lenken und stelle Vermutungen an, wie die Klobrille eigentlich zu ihrer Bezeichnung kommen könnte. Tatsächlich schlafe ich darüber fast ein, aber auch nur beinahe, denn plötzlich klingelt es an der Tür. Ich schrecke hoch, wacher als je zuvor, fast klar im Kopf, vor allem jedoch rasend vor Wut. „Welcher Idiot kann das sein?“ Mittlerweile ist es Viertel nach Zwei. Wäre ich nicht so wütend würde ich liegen bleiben und die Störung ignorieren. Schon aus Prinzip. Aber hier und jetzt überkommt mich das Verlangen, dem Eindringling die Fresse zu polieren. Ich will mich Rächen für all die schlaflosen Nächte und die Nötigungen des alltäglichen Lebens. Ich stürme also zur Tür, drehe hastig den Schlüssel um, ziehe mit einem schnellen Ruck an der Klinke und erblicke überraschenderweise meine streitbare Nachbarin. Blutüberströmt steht sie da und reicht mir zitternd einen Schuhkarton. Sie stottert „‚tschuldigung die Störung, bitte helfen, Martin Tod, Polizei, Handy kaputt, ‚tschuldigung die Störung“. Ich reime mir zusammen, dass sie ihren Mann getötet hat und mir jetzt seinen Penis als Entschädigung für die fortwährenden Ruhestörungen schenken will. Ich fühle mich geschmeichelt, denn sie ist wirklich süß in ihrem kurzen Rock und der blutroten Bluse und ich freue mich schon auf den wohligen Schauer, der mir bei dem Anblick eines abgeschnittenen (oder gar abgesägten?) Gliedes über den Rücken laufen wird. Doch als ich den Schuhkarton öffne finde ich dort nur ein blutiges Brotmesser. Ich könnte also recht haben, dass sie ihren Macker getötet hat, aber vermutlich durfte er seinen Penis entgegen meiner Hoffnung mit ins Grab nehmen. „Was soll ich damit?“, murmle ich enttäuscht. „Polizei, Polizei, ich muss mich stellen.“ stottert sie weiter. Nun steigt doch noch die erwartete Schauer in mir hoch, aber keine von der wohligen Sorte. Es ist mehr ein Ekel, der mich überkommt. Das komplette Haus voller Polizei? Blaulicht? Uniformen? Befragungen die ganze Nacht lang? Das muss ich verhindern. Geistesgegenwärtig schlucke ich den Ekel herunter, nehme sie zur Beruhigung in den Arm und sage: „Danke, aber ich habe schon ein Brotmesser. Polizei ist nicht nötig. Ich helfe dir, die Leiche zu vergraben.“