Was Thomas Bernhard in “Auslöschung – Ein Zerfall” über das Thema Fotografie interessantes zu sagen hat

Das 1986 erschienene Werk „Auslöschung – Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard enthält neben zahlreichen anderen erhellenden Textstellen auch solche zum Thema Fotografie. Trotz, oder vielleicht sogar gerade wegen ihrer Polemik und Übertreibung treffen sie das „Wesen“ dieses Phänomens, den das Geschwafel über Fotografie als Kunstform, wenn nicht wissentlich dann zumindest willentlich ganz gründlich verfehlt.

Die technische Zugerichtetheit der Tätigkeit des Fotografierens, bei der es mehr auf auf die korrekte Handhabung eines technischen Artefakts als auf konkrete Geistestätigkeit ankommt, ist nicht sein Thema. Vielmehr steht das Resultat der Tätigkeit im Vordergrund: Die Fotografie als „heimtückische perverse Fälschung […] eine absolute Verletzung der Menschenwürde, eine ungeheuerliche Naturverfälschung, eine gemeine Unmenschlichkeit“. Selten hat jemand so schön und wahr vom Leder gezogen. Der Protagonist Murnau betrachtet eine Fotografie, die seine Eltern und seinen Bruder im Urlaub darstellt. Alle drei sind kürzlich bei einem Unfall ums Leben gekommen. Nachdem ihn diese Nachricht erreichte, betrachtete er diese Fotografie mit einigem Ärger. Er hasst seine Familie wegen ihres kleingeistigen und faschistoiden Charakters und entdeckt gerade in dieser perversen Verfälschung der Natur den wahren Charakter seiner Familie, weil in dem Augenblick der Aufnahme die Eltern und den Bruder gerade so wiedergegeben werden, wie sie wirklich sind. Sie versuchen krampfhaft und auf lächerliche Weise gut gelaunt und glücklich auszusehen, was sie zeitlebens nie wahren: „Alle drei waren sie jetzt, vor mir auf dem Schreibtisch, keine zehn Zentimeter groß und in modischer Kleidung und grotesker Körperhaltung, die auf eine ebenso groteske Geisteshaltung schließen lässt.“

Mit Fotografie lässt sich also vielleicht doch Wahres darstellen, nur eben auf eine dialektische Weise, die dem Fotografen oder der Fotografin gemäß Murnau nicht bewusst ist: „Ich verachte die Leute, die fortwährend am  Fotografieren sind und die ganze Zeit mit ihrem Fotoapparat um den Hals umherlaufen. Fortwährend sind sie auf der Suche nach einem Motiv und sie fotografieren alles und jedes, selbst das Unsinnigste. Fortwährend haben sie nichts im Kopf, als sich selbst darzustellen und immer auf die abstoßendste Weise […]“. Sie machten sich der perversen Verzerrung schuldig. Die Fotografie sei eine perverse Sucht, die nach und nach die gesamte Menschheit erfasse, weil diese in die Verzerrung vernarrt sei und die perverse Welt für die einzig Wahre nehmen. Der „menschenfeindlichsten aller Künste“, die Krankheit, die nach und nach die ganze Welt erfasse, verdanke man die endgültige Verzerrung der Natur, weil sie den Menschen zu einer perversen Fratze degradiert. „Die Fotografie ist das größte Unglück des Zwanzigsten Jahrhunderts“.

Gibt es denn vielleicht doch eine Chance für die Kunstform der Fotografie, weil sich, wie oben gezeigt, doch Wahres darstellen lässt? Murnau verneint dies, da die Fotografie in jedem Fall entstellt bliebe. Er sehe die Wahrheit nur, weil er seine verhassten Eltern eben kenne. Allenfalls hilft ihm die Fotografie dabei seine Eltern und seinen Bruder eben so zu erkennen, wie er sie sowieso schon sieht. Aber diese Sicht auf diese Personen eröffnet sich niemand anderem beim Betrachten des Fotos.

Murnau hat Recht wenn er behauptet, dass Fotografien nichts Neues zeigen. Die andere Perspektive auf die Realität, die eine Fotografie aufzeigen könnte, ist bestenfalls ein eingeschränktes, limitiertes Abbild der Wirklichkeit. Damit taugen sie nicht als Kunst. Folgt man ihm auch bei seiner These der Verzerrung, und das sollte man, sind Fotografien nicht mal mehr eingeschränkte Wahrheiten, sondern schlicht Lügen. Was bleibt also übrig von dem Foto? Darauf hat Murnau bereits die Antwort gegeben: Eine abstoßende Art und Weise der Selbstdarstellung.