Das halbleere Glas des Trinkers

Dieses ganze Geschwätz über das halbvolle Glas nervt. Es ist keine Frage der Haltung zum positiven Denken. Entscheidend ist alleine die Bewegungstendenz des Füllstands: Während des Einschenkens ist das Glas, wenn die Prozedur zur Hälfte abgeschlossen ist, halb voll. Dagegen ist das Glas während des (aus)trinkens an diesem Zeitpunkt halb leer. Ich bevorzuge die Haltung des Trinkers.

Die Ratte oder wie man Wasser spart

Dass eine Ratte von unten an den Klodeckel klopft ist auch für mich ungewöhnlich. Ich bin zwar nicht gerade verwundert, dass mich nun anscheinend Ratten in diesem Drecksloch besuchen wollen – aber warum ist der Klodeckel zugeklappt? Irgendetwas stimmt hier nicht und das mulmige Gefühl, das mich nun überkommt, stammt nicht nur vom Restalkohol. Es muss noch jemand in der Wohnung sein, jemand, der sehr ordentliches und hygienisches. Hatte ich gestern in der Bar tatsächlich jemanden aufgegabelt? Eine fremde Frau? Das wäre das erste Mal. Oder gar einen fremden Mann? Das wäre das allererste Mal. Ich beschloss, mich heftig in diese Sache hineinzusteigern und machte mich auf die Suche nach diesem mysteriösen Menschen. Ich durchsuchte hektisch das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, das Arbeitszimmer und das Wäschezimmer, was trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit ziemlich schnell ging, da es ein und derselbe Raum ist. Nichts. Dem Klischee nach müsste jetzt ein Zettel in der Küche liegen wo etwas drauf steht wie „War ok. Mach‘s gut, Tina.“ oder „Werd‘ erstmal erwachsen, Marc.“ Ich habe viel über Klischees gelernt durch die Zeitschriften, die beim Arzt ausliegen und einem die Wartezeit verärgern, wenn man mal wieder postalkoholische Krankschreibung brauchte. Tatsächlich lag ein Schriftstück in Form eines mit krakeliger Handschrift beschriebenes Taschentuchs auf den Küchentisch. Allerdings stand darauf „Bier, Bananen, Klopapier“ und die Handschrift war eindeutig meine. Im Leben werde ich heute nicht einkaufen gehen, sagte ich mir und nahm das Taschentuch, um mir die Nase zu popeln als mir schlagartig furchtbar übel wurde; kotzübel um genau zu sein. Gezwungen, schnell zu handeln, beschloss ich, die Toilette zurückzuerobern. Ich nahm ein Küchenmesser, stürmte ins Bad, riss den Toilettendeckel hoch und konnte gerade noch die Ratte in die Kanalisation verschwinden sehen. Die weglaufende Ratte macht den Blick frei einen Haufen Kotze, der im Klo schwamm und vor sich hin stank. Der Geruch weckte nun Erinnerungen an die letzte Nacht: Als ich heute morgen nach Hause kam hatte mich übergeben müssen. Weil ich fürchtete, dass es nicht das letzte Mal sein würde habe ich mich darauf beschränkt, den Deckel zuzuklappen und auf das Abspülen zu verzichtet, um Wasser zu sparen. Die vor sich hin gammelnde Kotze hatte dann wohl die Ratte angelockt. Leicht enttäuscht von dieser einfachen Erklärung beginne ich von Neuem zu Würgen.