Naturbeherrschung in der Verwertungsgesellschaft. Eine Vorweihnachtspolemik mit Happy End.

Eigentlich müsste es mir leichter fallen, ein passendes Geschenk für sie zu finden. Als wir uns kennenlernten hatten wir ein Matching von 93 %. Das hatte uns ein hochseriöses, weil kostspieliges Bumsportal, einwandfrei bescheinigt. Und es stimmte: Wir sind beide weder schlau noch dumm, weder hübsch noch hässlich, natürlich ziemlich individuell aber ohne unangenehm aus der Reihe zu fallen. Beruf: passt (irgendwas mit Wirtschaft). Bildungsstand: vorhanden (irgendwas mit Wirtschaft). Sexuelle Vorlieben: Ja. Das war vor 5 Jahren, sozusagen zu den Urzeiten des Internets. Heute bin ich schätzungsweise immer noch zu 91% verliebt, +- 5 % vielleicht, eher Minus 5 %, ein bisschen Schwund ist ja immer. Doch nun steht wieder dieses Weihnachten vor der Tür und ich brauche dringend noch ein passendes Geschenk, aber mir will zum Verrecken nichts einfallen. Vor lauter Verzweiflung habe ich mir kürzlich ihr Payback-Karten ausgeliehen und mir von den Warenhäusern Kaufanregungen geben lassen, aber Slipeinlagen hatte ich ihr schon letztes Jahr geschenkt und Klopapier gab‘s zum Geburtstag. Weil ich das dieses Mal auf jeden Fall toppen muss um nicht in ihrem Ranking zu fallen habe ich mir sogar schon Zugang zu ihrem Amazon-Konto erschlichen und mir ihre Kaufanreize anzeigen lassen. Aber da sie ständig Dinge für ihre Nichte bestellt kommt da nur Schrott bei herum.

Wie kann es sein, dass mir nichts einfällt? Was stimmt mit ihr nicht? Ich sollte dringend das Matching überprüfen lassen. Vielleicht hat sich ein Zahlendreher eingeschlichen oder die Technik war damals noch nicht ausgereift genug. Und ich Schwachkopf wollte ihr zum Weihnachtsfest einen Heiratsantrag machen, habe mir auch schon eine total romantischen Online-Kapelle rausgesucht mit 10% Rabatt auf die erste Trauung für Bumsportal-Kunden.. Das ist momentan der absolut neueste Schrei, jedenfalls total individuell, aber anscheinend zu individuell für sie.

Ich verstehe nicht, wie ich auf sie hereinfallen konnte; ich Idiot gebe mir auch noch die Schuld, dass ich kein Geschenk für sie finde, ich bin wirklich zu gut für diese Welt, in aller Bescheidenheit, vor allem zu gut für sie, wie hieß nochmal die Adresse des Bumsportals, es kann ja nicht sein, dass niemand zu mir passt, das kann nicht sein, schließlich bin ich ganz normal UND sehr besonders, jedenfalls keineswegs langweilig, wie jeder sehen kann, denn ich trage auch mal einen Hut oder eine lustige Krawatte wenn der Anlass passt, HIHI, oder Sneakers zum Anzug, W-W-W-.B-U-M-S-P-O-R-T-A-L-.-D-E, und Pullover, wo etwas draufsteht, z.B. Football #1 University of Virginia, HAHA, obwohl ich nie in den USA war und kein bisschen von Football verstehe, denn ich bin Deutscher und in Deutschland spielt man Fussball, VIER mal Weltmeister sind wir geworden, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, JAJA, ich trau mich was, an die einfallslose 08/15-Torte werde ich keine einzige Sekunde mehr verschwenden … AHA! Wen haben wir denn hier: Uli, arbeitet in der Wirtschaft, individueller Typ, ein Matching von sagenhaften 96 %, Foto etwas unscharf aber die Maße sollten stimmen. Wenn Uli jetzt für Ulrike und nicht für Ulrich steht ist Weihnachten gerettet.

Immer wieder Sonntags

Früher schon war der Sonntag ein ganz besonderer Tag, an dem etwas mehr erlaubt ist als an den übrigen Tagen. Die Katze setzte sich ungestraft mit ihrem von Kackfetzen übersäten Fellarsch auf das Bett und ich durfte bis 8.00 Uhr ausschlafen. Länger schlafen durfte ich nicht, denn um 9.30 beginnt die heilige Messe und den Herrn Jesus lässt man nicht warten, sagte meine Mutter immer. Früher gingen wir immer zu dritt in die Kirche aber das geht jetzt nicht mehr, weil Vater tot war. Er ist trotzdem immer bei uns, sagt sie, aber ich glaubte das nicht. Als er noch lebte war er das ja auch nicht. Er war auch nicht tot sondern ist mit einer belgischen Nutte durchgebrannt, sagten jedenfalls die Leute im Dorf. Aber das sah Mutter anscheinend anders. Damals wollte ich noch Pfarrer werden, hatte die Pläne aber aufgegeben nachdem ich immer heftiger an meinem kleinen Pimmelchen herumzuspielen begann. Ich bildete mir in meiner etwas ungenauen Kenntnis des Zölibats ein, das ich durch die Selbstbefleckung nun meine Chancen auf die Priesterweihe verspielt hätte. Einige Jahr später erklärte mir ein recht offenherziger Pfarrer dass einem trotz Zölibats immer hin noch die Onanie bliebe. Ob ich mit diesem Wissen an meinen Plänen noch lange festgehalten hätte wage ich allerdings zu bezweifeln. Doch zu dieser Zeit dachte ich Sonntags noch oft an Kirche und Selbstbefriedigung. Ich ahnte anscheinend schon früh dessen magische Verbindung zwischen Wichsen und Weihrauch, Masturbation und Monstranz, Sackjucken und Sakristei, Himmel und Hölle. Das war mein Leben.

Wenige Jahre später war Vater wieder da. Er ist keineswegs auferstanden von den Toten sondern bloß zurückgekehrt aus Belgien. An die Auferstehung eines Herrn Jesus glaube ich mittlerweile nicht mehr. Überhaupt war Gott nun mausetot, ich aber dafür umso lebendiger. Doch die Lebendigkeit forderte regelmäßig insbesondere an den Sonntagen ihren Tribut. Sonntag wurde Katertag und diente der Regeneration und des Vergessenmachens wochenendlicher Exzesse. Die Erotik der Religion wurde ersetzt durch stumpfe postalkoholische Geilheit, die trotz oder gerade wegen ihrer brutalen Wucht nicht die zähe, ehrliche Leere dieses Durchgangstags füllen konnte. Der Sonntag war der Holzkeil, der notdürftig zwischen dem lustvollen kurzen Wochenende und den leidvollen langen Schultagen geschlagen beide voneinander fernzuhalten versuchte. Doch der Keil drohte vom Gewicht der herannahenden Schultagen zerdrückt zu werden, denn er ist hohl geworden, jetzt, wo kein Gott mehr da ist. Aber als der Religionsschwindel einmal aufgedeckt war, war kein zurück mehr möglich. So gaben die damaligen Sonntage zwischen Wachen und Schlafen, Trinken und Dürsten, Essen und Kotzen einen süßlich-bitteren Vorgeschmack auf die zahlreichen Zwischentage, die noch kommen werden.

Mittlerweile ist Vater wahrscheinlich wirklich gestorben. Er kam von einem seiner sonntäglichen Jagdausflüge nicht mehr zurück. Jetzt, wo weder die Geilheit drängt noch die Kirche ruft und einen nur noch selten der Kater drangsaliert ist der Sonntag nur noch die harmlosere, häufiger wiederkehrende Variante des Neujahrstag. Von dem ohnehin schon fragilen Keil ist nur noch eine schmale Kennzeichnung des Übergang zwischen zwei Zeiteinheiten, die das Leben unerbittlich durchtakten, übriggeblieben. Da es nicht möglich ist, einen Tag, der in allen Kalendern dieser Welt überdeutlich hervorgehoben ist, einfach zu leugnen ziehe ich es vor, ihm auszuweichen. Ich nehme keinerlei Termine war oder Tätigkeiten auf. Ich schlafe lange und gehe früh zu Bett. Im Gegensatz zum Jahreswechsel aber kann ich mich nicht mit pathetischem Unfug trösten. Kein Feuerwerk und keine guten Vorsätze bieten Ablenkung und ich werde zurückgeworfen auf den ganz alltäglichen, tage-, stunden- und minutenweise vollzogenen Stumpfsinn. Weder vermag der Sonntag mit er zu Ende gehenden Woche zu versöhnen noch gibt er neue Kraft für die kommenden Tage. Statt dessen führt er mir die Sinnlosigkeit der werktäglichen Betriebsamkeit vor Augen und, was noch schlimmer ist, die Unfähigkeit, dem etwas gänzlich Anderes entgegen setzen zu können. Andere Überspielen dieses Scheitern mit der Herausbildung obskurer Hobbys wie Kochen, Fotografie oder Yoga. Die Menschen strömen aus ihren Wohnungen, um sich beim Fotografieren zu fotografieren oder beim Yoga begafft zu werden. Daheim werden die neuestens Ernährungsideologien ausgekocht. Wer Familie hat kultiviert unermüdlich die Keimzelle des Staates und bleibt lieber unter sich. Und wer verkatert ist erst Recht. Andere sehnen sich den Montag herbei um aus dieser Hilflosigkeit wieder befreit zu werden. Das ist wenigstens ehrlich. Ich dagegen rette mich in den kurzen Wachphasen in Tagträume von einem tiefen Rot.

Schietwetter

Tag 1: Es regnet. Die Pflanzen würden sich sicher freuen, wenn sie könnten, denn sie brauchen Wasser zum wachsen. Ich bin ein Mensch und brauche ebenfalls Wasser für alle möglichen Dinge. Wasser ist Leben, Menschen und Bier bestehen zum Großteil aus Wasser. Es macht mir also gar nichts aus, dass es heute regnet.

Tag 2: Es regnet. Nun schon seit 24 Stunden. Obwohl mir völlig klar aus, dass mein Bier nur deshalb existieren kann, weil es hin und wieder regnet, nervt es mich langsam. Ich müsste mal raus, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich denke, ein Tag Regen sollte genug sein, denn so viele Pflanzen gibt es in dieser zugeparkten Stadt sowieso nicht.

Tag 3: Es regnet. Immer noch. Ich versuche mich nicht aufzuregen und mache mir lieber noch ein Bier auf, das sollte mich vorerst beruhigen. Aber ich hoffe doch sehr, dass der Regen bald aufhört, denn das Bier ist bald leer und ich möchte ungern durch den Regen zum Supermarkt gehen.

Tag 4: Es regnet. Vier Tage sind eindeutig zu lang, denn nun ist kein Bier mehr da und ich muss wohl oder übel raus in den Regen. Es sei denn es ist noch Wodka da? Es ist noch Wodka da! Wodka ist russisch für Wasser. Welche Ironie. Ich mag aber weder Ironie noch Regen. Ich mag Bier und Wodka. Einen Tag habe ich noch Galgenfrist.

Tag 5: Im Radio wurde gesagt, dass es immer noch regnet. Ich traue mich gar nicht mehr, aus dem Fenster zu gucken und halte die Vorhänge geschlossen. Angeblich soll es diese Nacht kurz aufgehört haben zu regnen, aber das lässt sich jetzt schwerlich nachprüfen. Außerdem hätte es mir sowieso nichts genutzt, denn Nachts schlafe ich. Hamburg, das ist Elbgewalt, Polizeiharmonie und vor allem Schietwetter. So wird hier das Wetter für die Touristen genannt. Ausgebuffte Leute arbeiten da im Stadtmarketing, zynische Vollprofis, Vollidioten, werfen mit Euphemismen herum wie nix Gutes. Ich muss mich jetzt aufraffen. Es ist kein Alkohol mehr da und ich muss jetzt wirklich und endlich in den Supermarkt gehen, um Nachschub zu holen.

Tag 6: Ich habe zwölf Stunden lang meinen Regenschirm gesucht. Die Suche hat mich sehr angestrengt und als ich ob der Anstrengung langsam nüchtern wurde, habe ich schließlich den Schirm zwischen zwei toten Katzen gefunden. Verfluchter Regen, jetzt hat er auch noch meine Katzen auf dem Gewissen. Wie hätte ich bei dem Schietwetter Katzenfutter holen sollen? Nun aber raus in den Regen, rein in den Supermarkt und Bier kaufen. Im Laden angekommen läuft dort „It‘s raining man.“ Halleluja! Ich wundere mich, dass Amokläufe anscheinend Islamisten, Nazis und anderen Verrückten vorbehalten sind. Bin ich schon verrückt genug? Ich fürchte nicht, aber viel fehlt nicht mehr, daher hole ich schnell das Bier, bezahle, verlasse den Supermarkt und traue meinen Augen nicht: Der Regen hat endlich aufgehört. Aber das macht meine Katzen nun auch nicht mehr lebendig.