Schietwetter

Tag 1: Es regnet. Die Pflanzen würden sich sicher freuen, wenn sie könnten, denn sie brauchen Wasser zum wachsen. Ich bin ein Mensch und brauche ebenfalls Wasser für alle möglichen Dinge. Wasser ist Leben, Menschen und Bier bestehen zum Großteil aus Wasser. Es macht mir also gar nichts aus, dass es heute regnet.

Tag 2: Es regnet. Nun schon seit 24 Stunden. Obwohl mir völlig klar aus, dass mein Bier nur deshalb existieren kann, weil es hin und wieder regnet, nervt es mich langsam. Ich müsste mal raus, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich denke, ein Tag Regen sollte genug sein, denn so viele Pflanzen gibt es in dieser zugeparkten Stadt sowieso nicht.

Tag 3: Es regnet. Immer noch. Ich versuche mich nicht aufzuregen und mache mir lieber noch ein Bier auf, das sollte mich vorerst beruhigen. Aber ich hoffe doch sehr, dass der Regen bald aufhört, denn das Bier ist bald leer und ich möchte ungern durch den Regen zum Supermarkt gehen.

Tag 4: Es regnet. Vier Tage sind eindeutig zu lang, denn nun ist kein Bier mehr da und ich muss wohl oder übel raus in den Regen. Es sei denn es ist noch Wodka da? Es ist noch Wodka da! Wodka ist russisch für Wasser. Welche Ironie. Ich mag aber weder Ironie noch Regen. Ich mag Bier und Wodka. Einen Tag habe ich noch Galgenfrist.

Tag 5: Im Radio wurde gesagt, dass es immer noch regnet. Ich traue mich gar nicht mehr, aus dem Fenster zu gucken und halte die Vorhänge geschlossen. Angeblich soll es diese Nacht kurz aufgehört haben zu regnen, aber das lässt sich jetzt schwerlich nachprüfen. Außerdem hätte es mir sowieso nichts genutzt, denn Nachts schlafe ich. Hamburg, das ist Elbgewalt, Polizeiharmonie und vor allem Schietwetter. So wird hier das Wetter für die Touristen genannt. Ausgebuffte Leute arbeiten da im Stadtmarketing, zynische Vollprofis, Vollidioten, werfen mit Euphemismen herum wie nix Gutes. Ich muss mich jetzt aufraffen. Es ist kein Alkohol mehr da und ich muss jetzt wirklich und endlich in den Supermarkt gehen, um Nachschub zu holen.

Tag 6: Ich habe zwölf Stunden lang meinen Regenschirm gesucht. Die Suche hat mich sehr angestrengt und als ich ob der Anstrengung langsam nüchtern wurde, habe ich schließlich den Schirm zwischen zwei toten Katzen gefunden. Verfluchter Regen, jetzt hat er auch noch meine Katzen auf dem Gewissen. Wie hätte ich bei dem Schietwetter Katzenfutter holen sollen? Nun aber raus in den Regen, rein in den Supermarkt und Bier kaufen. Im Laden angekommen läuft dort „It‘s raining man.“ Halleluja! Ich wundere mich, dass Amokläufe anscheinend Islamisten, Nazis und anderen Verrückten vorbehalten sind. Bin ich schon verrückt genug? Ich fürchte nicht, aber viel fehlt nicht mehr, daher hole ich schnell das Bier, bezahle, verlasse den Supermarkt und traue meinen Augen nicht: Der Regen hat endlich aufgehört. Aber das macht meine Katzen nun auch nicht mehr lebendig.