Immer wieder Sonntags

Früher schon war der Sonntag ein ganz besonderer Tag, an dem etwas mehr erlaubt ist als an den übrigen Tagen. Die Katze setzte sich ungestraft mit ihrem von Kackfetzen übersäten Fellarsch auf das Bett und ich durfte bis 8.00 Uhr ausschlafen. Länger schlafen durfte ich nicht, denn um 9.30 beginnt die heilige Messe und den Herrn Jesus lässt man nicht warten, sagte meine Mutter immer. Früher gingen wir immer zu dritt in die Kirche aber das geht jetzt nicht mehr, weil Vater tot war. Er ist trotzdem immer bei uns, sagt sie, aber ich glaubte das nicht. Als er noch lebte war er das ja auch nicht. Er war auch nicht tot sondern ist mit einer belgischen Nutte durchgebrannt, sagten jedenfalls die Leute im Dorf. Aber das sah Mutter anscheinend anders. Damals wollte ich noch Pfarrer werden, hatte die Pläne aber aufgegeben nachdem ich immer heftiger an meinem kleinen Pimmelchen herumzuspielen begann. Ich bildete mir in meiner etwas ungenauen Kenntnis des Zölibats ein, das ich durch die Selbstbefleckung nun meine Chancen auf die Priesterweihe verspielt hätte. Einige Jahr später erklärte mir ein recht offenherziger Pfarrer dass einem trotz Zölibats immer hin noch die Onanie bliebe. Ob ich mit diesem Wissen an meinen Plänen noch lange festgehalten hätte wage ich allerdings zu bezweifeln. Doch zu dieser Zeit dachte ich Sonntags noch oft an Kirche und Selbstbefriedigung. Ich ahnte anscheinend schon früh dessen magische Verbindung zwischen Wichsen und Weihrauch, Masturbation und Monstranz, Sackjucken und Sakristei, Himmel und Hölle. Das war mein Leben.

Wenige Jahre später war Vater wieder da. Er ist keineswegs auferstanden von den Toten sondern bloß zurückgekehrt aus Belgien. An die Auferstehung eines Herrn Jesus glaube ich mittlerweile nicht mehr. Überhaupt war Gott nun mausetot, ich aber dafür umso lebendiger. Doch die Lebendigkeit forderte regelmäßig insbesondere an den Sonntagen ihren Tribut. Sonntag wurde Katertag und diente der Regeneration und des Vergessenmachens wochenendlicher Exzesse. Die Erotik der Religion wurde ersetzt durch stumpfe postalkoholische Geilheit, die trotz oder gerade wegen ihrer brutalen Wucht nicht die zähe, ehrliche Leere dieses Durchgangstags füllen konnte. Der Sonntag war der Holzkeil, der notdürftig zwischen dem lustvollen kurzen Wochenende und den leidvollen langen Schultagen geschlagen beide voneinander fernzuhalten versuchte. Doch der Keil drohte vom Gewicht der herannahenden Schultagen zerdrückt zu werden, denn er ist hohl geworden, jetzt, wo kein Gott mehr da ist. Aber als der Religionsschwindel einmal aufgedeckt war, war kein zurück mehr möglich. So gaben die damaligen Sonntage zwischen Wachen und Schlafen, Trinken und Dürsten, Essen und Kotzen einen süßlich-bitteren Vorgeschmack auf die zahlreichen Zwischentage, die noch kommen werden.

Mittlerweile ist Vater wahrscheinlich wirklich gestorben. Er kam von einem seiner sonntäglichen Jagdausflüge nicht mehr zurück. Jetzt, wo weder die Geilheit drängt noch die Kirche ruft und einen nur noch selten der Kater drangsaliert ist der Sonntag nur noch die harmlosere, häufiger wiederkehrende Variante des Neujahrstag. Von dem ohnehin schon fragilen Keil ist nur noch eine schmale Kennzeichnung des Übergang zwischen zwei Zeiteinheiten, die das Leben unerbittlich durchtakten, übriggeblieben. Da es nicht möglich ist, einen Tag, der in allen Kalendern dieser Welt überdeutlich hervorgehoben ist, einfach zu leugnen ziehe ich es vor, ihm auszuweichen. Ich nehme keinerlei Termine war oder Tätigkeiten auf. Ich schlafe lange und gehe früh zu Bett. Im Gegensatz zum Jahreswechsel aber kann ich mich nicht mit pathetischem Unfug trösten. Kein Feuerwerk und keine guten Vorsätze bieten Ablenkung und ich werde zurückgeworfen auf den ganz alltäglichen, tage-, stunden- und minutenweise vollzogenen Stumpfsinn. Weder vermag der Sonntag mit er zu Ende gehenden Woche zu versöhnen noch gibt er neue Kraft für die kommenden Tage. Statt dessen führt er mir die Sinnlosigkeit der werktäglichen Betriebsamkeit vor Augen und, was noch schlimmer ist, die Unfähigkeit, dem etwas gänzlich Anderes entgegen setzen zu können. Andere Überspielen dieses Scheitern mit der Herausbildung obskurer Hobbys wie Kochen, Fotografie oder Yoga. Die Menschen strömen aus ihren Wohnungen, um sich beim Fotografieren zu fotografieren oder beim Yoga begafft zu werden. Daheim werden die neuestens Ernährungsideologien ausgekocht. Wer Familie hat kultiviert unermüdlich die Keimzelle des Staates und bleibt lieber unter sich. Und wer verkatert ist erst Recht. Andere sehnen sich den Montag herbei um aus dieser Hilflosigkeit wieder befreit zu werden. Das ist wenigstens ehrlich. Ich dagegen rette mich in den kurzen Wachphasen in Tagträume von einem tiefen Rot.