Nachbarschaftshilfe

Ich höre Schreie. Erst vernehme ich sie noch notdürftig unterdrückt, dann lauter, schließlich scheinen sie gänzlich unkontrolliert heraus zu brechen. „Wann bringt er sie endlich um? Oder sie ihn?“, frage ich mich genervt. Eine Tür knallt. Für kurze Zeit ist es ruhig, dann höre ich wieder Gebrüll, etwas leiser diesmal. Wahrscheinlich setzen sie den Streit im hinteren Zimmer fort, nachdem sie das erste bereits verwüstet haben. Ich höre trotzdem jedes Wort, ob ich will oder nicht. Ich will nicht. Ich will schlafen, jetzt um halb zwei. Wieder knallt eine Tür, diesmal wackelt das ganze Haus. „Nun ist endlich Ruhe“, denke ich, denn das war die Wohnungstür. Das Schema ist mir bereits vertraut, es wird mehrmals in der Woche abgespielt. Aber diesmal ist der Ablauf anders: Erstens war der Streit deutlich kürzer als sonst und zweitens fehlen nach dem Zuschlagen der Wohnungstür die Geräusche, die auf ein Aufräumen oder Zusammenkehren von Scherben oder Ähnlichem schließen lassen. „Warum trennen sie sich eigentlich nicht, das ist doch ganz offensichtlich die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden?“, denke ich reflexartig, obwohl es mich eigentlich gar nicht interessiert. Aber ich kann ich nicht schlafen und weiß nicht, wohin ich meine Gedanken steuern soll. Über mein eigenes Leben nachzudenken vermeide ich, vor allem um diese Uhrzeit. Mittlerweile ist es viertel vor Zwei und ich bin so müde, dass ich nicht mehr gerade liegen kann. Von Minute zu Minute werden die Beine leichter und der Kopf schwerer. Die Wirkung der Feierabendbiere ist mittlerweile verpufft, der Magen leer und die Blase voll. Auf gar keinen Fall will ich jetzt auf die Toilette gehen. Allein der Gedanke an das helle Licht im Bad und die kalte, nackte Klobrille ist mir unerträglich. Ich bin gut darin, unabweisbare Bedürfnisse zu ignorieren und versuche meine Gedanken auf etwas Nebensächliches zu lenken und stelle Vermutungen an, wie die Klobrille eigentlich zu ihrer Bezeichnung kommen könnte. Tatsächlich schlafe ich darüber fast ein, aber auch nur beinahe, denn plötzlich klingelt es an der Tür. Ich schrecke hoch, wacher als je zuvor, fast klar im Kopf, vor allem jedoch rasend vor Wut. „Welcher Idiot kann das sein?“ Mittlerweile ist es Viertel nach Zwei. Wäre ich nicht so wütend würde ich liegen bleiben und die Störung ignorieren. Schon aus Prinzip. Aber hier und jetzt überkommt mich das Verlangen, dem Eindringling die Fresse zu polieren. Ich will mich Rächen für all die schlaflosen Nächte und die Nötigungen des alltäglichen Lebens. Ich stürme also zur Tür, drehe hastig den Schlüssel um, ziehe mit einem schnellen Ruck an der Klinke und erblicke überraschenderweise meine streitbare Nachbarin. Blutüberströmt steht sie da und reicht mir zitternd einen Schuhkarton. Sie stottert „‚tschuldigung die Störung, bitte helfen, Martin Tod, Polizei, Handy kaputt, ‚tschuldigung die Störung“. Ich reime mir zusammen, dass sie ihren Mann getötet hat und mir jetzt seinen Penis als Entschädigung für die fortwährenden Ruhestörungen schenken will. Ich fühle mich geschmeichelt, denn sie ist wirklich süß in ihrem kurzen Rock und der blutroten Bluse und ich freue mich schon auf den wohligen Schauer, der mir bei dem Anblick eines abgeschnittenen (oder gar abgesägten?) Gliedes über den Rücken laufen wird. Doch als ich den Schuhkarton öffne finde ich dort nur ein blutiges Brotmesser. Ich könnte also recht haben, dass sie ihren Macker getötet hat, aber vermutlich durfte er seinen Penis entgegen meiner Hoffnung mit ins Grab nehmen. „Was soll ich damit?“, murmle ich enttäuscht. „Polizei, Polizei, ich muss mich stellen.“ stottert sie weiter. Nun steigt doch noch die erwartete Schauer in mir hoch, aber keine von der wohligen Sorte. Es ist mehr ein Ekel, der mich überkommt. Das komplette Haus voller Polizei? Blaulicht? Uniformen? Befragungen die ganze Nacht lang? Das muss ich verhindern. Geistesgegenwärtig schlucke ich den Ekel herunter, nehme sie zur Beruhigung in den Arm und sage: „Danke, aber ich habe schon ein Brotmesser. Polizei ist nicht nötig. Ich helfe dir, die Leiche zu vergraben.“