Die Wecker

1.
Der Wecker klingelt nicht sondern spielt eine Melodie, weil er ein Smartphone ist. Ein Smartphone ist ein Telefon, dass so clever ist, dass es auch andere nützliche Alltagsaufgaben effizient und unterhaltsam löst. „Wer sich von klingelnden Weckern wecken lässt, geht wohl auch noch zum Arbeiten in die Fabrik.“, denkt Tim und geht in die Agentur, zum Arbeiten. Sein Wecker ist nun ein Tracker, der die Schritte zählt, die er auf seinem Arbeitsweg zurücklegt, denn was nicht registriert ist, existiert nicht. „Das ist nicht die DDR, das ist Technik.“ sinniert Tim klug, dem alles Totalitäres grundsätzlich ein Graus ist. In der Agentur angekommen zeigt das Smartphone an, zufrieden mit seiner Bewegungsaktivität zu sein. Er freut sich, dass jemand mit ihm zufrieden ist. Weil er auch ein bisschen Stolz auf seine Aktivität ist teilt das Resultat mit seinem elektronischen Umfeld. Hinter diesem Umfeld verbergen sich Freunde, Halb-Freunde, Kollegen, Bekannte, entfernte Bekannte und Unbekannte. Es ist in Ordnung, sich während der Arbeitszeit auch privat in den sozialen Medien zu bewegen, findet Tims Chef Uwe. Uwe meint, dass das hier schließlich keine Fabrik sei, sondern eine Agentur, und dass das Smartphones auch während der Arbeit zum ganz normalen Alltag dazugehören. Überhaupt seien Arbeit und das sogenannte normale Leben nicht unterscheidbar, weil heutzutage unweigerlich alles zusammen gehöre. Uwe ist zufrieden mit Tims Arbeitsleistung, aber er kann ihm wegen der gesamtwirtschaftlich etwas instabilen Lage keine Gehaltserhöhung geben. Tim versteht das, denn an Uwes Stelle würde er genau so handeln. Außerdem ist Uwe immer fair und kollegial, ganz so wie ein Chef sein sollte. Dass rechnet Tim ihm hoch an und er ist zum wiederholten Male froh, nicht in einer Fabrik arbeiten zu müssen. Überhaupt kann von arbeiten-müssen keine Rede sein, denn Tim arbeitet gerne in der Agentur weil ihm hier die Chance gegeben wird, tolle Projekte zu realisieren, die immer am Puls der Zeit sind. Und wenn er ehrlich ist gibt seine Freizeit auch nicht viel her. Aber wenn er will kann er auch mal länger in der Agentur bleiben, das ist gar kein Problem und da hat jeder Verständnis für. Einige Kollegen haben Haustiere oder Lebenspartner, aber Tim hat so etwas nicht. Wenn sein Akku abends leer ist kann er sein Smartphone auch in der Agentur aufladen, dafür hat er extra ein zweites Ladekabel in die Mehrfachsteckdose unter seinem Schreibtisch gesteckt. Er ist natürlich auch am Wochenende für die Agentur erreichbar, aber manchmal ruft gar keiner an, was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn man sieht sich ja spätestens Montag wieder. Gerne geht Tim auch auf die Afterwork-Parties und Team-Events. Zunächst war er skeptisch, ob er sich mit den Kollegen privat auch so gut verstehen würde, aber diese Sorgen ließen sich schnell zerstreuen denn es gibt immer ausreichend Gesprächsthemen wie Smartphones allgemein, Smartphone-Tarife, Smartphone-Schutzhüllen und Smartphone-Versicherungen. Wenn fachliches und privates so zusammenkommen gewinnen am Ende immer alle. Tim mag Win-Win-Situation genauso gerne wie sein Chef Uwe. Überhaupt ist der Uwe ein toller Chef, der weiß, wie er mit Menschen umgehen muss, so dass alle eingebunden sind. Das macht er gut.
Eines Tages wird Tim auf dem Nachhauseweg von einem Kleinwagen erfasst und schwer verletzt werden. Er wird noch am Unfallort sterben. Aber Tim wird Glück im Unglück haben: Ein Passant wird diesen Unfall zufällig filmen und dadurch wird Tim für immer auf den Internet-Plattformen dieser Welt weiter leben. Weiterlesen “Die Wecker”

Dumm

Der dumme Mensch,
sich von Allgemeinplätzen nährend,
sie verschlingend, verdauend,
seine Haut.

Der Kreislauf der Dummheit
einen Sog erzeugend,
alles zerreißend, ertränken,
kein Entrinnen.

Der Einsame,
sich windend,
mäandernd,
allein.

Alle Jahrhunderte wieder.

In letzter Zeit höre ich immer wieder, dass Daten, sog. Big Data, das Öl des 21. Jahrhunderts seien. Heißt das jetzt, dass wieder 100 Jahre Kriege geführt werden um eine Menge Schwachsinn herzustellen und am Ende ist die Umwelt im Arsch? Weltgeschichtliche Tatsachen scheinen sich tausendfach zu wiederholen: Einmal als Tragödie und dann immer wieder als Farce.