Die Wecker

1.
Der Wecker klingelt nicht sondern spielt eine Melodie, weil er ein Smartphone ist. Ein Smartphone ist ein Telefon, dass so clever ist, dass es auch andere nützliche Alltagsaufgaben effizient und unterhaltsam löst. „Wer sich von klingelnden Weckern wecken lässt, geht wohl auch noch zum Arbeiten in die Fabrik.“, denkt Tim und geht in die Agentur, zum Arbeiten. Sein Wecker ist nun ein Tracker, der die Schritte zählt, die er auf seinem Arbeitsweg zurücklegt, denn was nicht registriert ist, existiert nicht. „Das ist nicht die DDR, das ist Technik.“ sinniert Tim klug, dem alles Totalitäres grundsätzlich ein Graus ist. In der Agentur angekommen zeigt das Smartphone an, zufrieden mit seiner Bewegungsaktivität zu sein. Er freut sich, dass jemand mit ihm zufrieden ist. Weil er auch ein bisschen Stolz auf seine Aktivität ist teilt das Resultat mit seinem elektronischen Umfeld. Hinter diesem Umfeld verbergen sich Freunde, Halb-Freunde, Kollegen, Bekannte, entfernte Bekannte und Unbekannte. Es ist in Ordnung, sich während der Arbeitszeit auch privat in den sozialen Medien zu bewegen, findet Tims Chef Uwe. Uwe meint, dass das hier schließlich keine Fabrik sei, sondern eine Agentur, und dass das Smartphones auch während der Arbeit zum ganz normalen Alltag dazugehören. Überhaupt seien Arbeit und das sogenannte normale Leben nicht unterscheidbar, weil heutzutage unweigerlich alles zusammen gehöre. Uwe ist zufrieden mit Tims Arbeitsleistung, aber er kann ihm wegen der gesamtwirtschaftlich etwas instabilen Lage keine Gehaltserhöhung geben. Tim versteht das, denn an Uwes Stelle würde er genau so handeln. Außerdem ist Uwe immer fair und kollegial, ganz so wie ein Chef sein sollte. Dass rechnet Tim ihm hoch an und er ist zum wiederholten Male froh, nicht in einer Fabrik arbeiten zu müssen. Überhaupt kann von arbeiten-müssen keine Rede sein, denn Tim arbeitet gerne in der Agentur weil ihm hier die Chance gegeben wird, tolle Projekte zu realisieren, die immer am Puls der Zeit sind. Und wenn er ehrlich ist gibt seine Freizeit auch nicht viel her. Aber wenn er will kann er auch mal länger in der Agentur bleiben, das ist gar kein Problem und da hat jeder Verständnis für. Einige Kollegen haben Haustiere oder Lebenspartner, aber Tim hat so etwas nicht. Wenn sein Akku abends leer ist kann er sein Smartphone auch in der Agentur aufladen, dafür hat er extra ein zweites Ladekabel in die Mehrfachsteckdose unter seinem Schreibtisch gesteckt. Er ist natürlich auch am Wochenende für die Agentur erreichbar, aber manchmal ruft gar keiner an, was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn man sieht sich ja spätestens Montag wieder. Gerne geht Tim auch auf die Afterwork-Parties und Team-Events. Zunächst war er skeptisch, ob er sich mit den Kollegen privat auch so gut verstehen würde, aber diese Sorgen ließen sich schnell zerstreuen denn es gibt immer ausreichend Gesprächsthemen wie Smartphones allgemein, Smartphone-Tarife, Smartphone-Schutzhüllen und Smartphone-Versicherungen. Wenn fachliches und privates so zusammenkommen gewinnen am Ende immer alle. Tim mag Win-Win-Situation genauso gerne wie sein Chef Uwe. Überhaupt ist der Uwe ein toller Chef, der weiß, wie er mit Menschen umgehen muss, so dass alle eingebunden sind. Das macht er gut.
Eines Tages wird Tim auf dem Nachhauseweg von einem Kleinwagen erfasst und schwer verletzt werden. Er wird noch am Unfallort sterben. Aber Tim wird Glück im Unglück haben: Ein Passant wird diesen Unfall zufällig filmen und dadurch wird Tim für immer auf den Internet-Plattformen dieser Welt weiter leben. Weiterlesen “Die Wecker”

Nachbarschaftshilfe

Ich höre Schreie. Erst vernehme ich sie noch notdürftig unterdrückt, dann lauter, schließlich scheinen sie gänzlich unkontrolliert heraus zu brechen. „Wann bringt er sie endlich um? Oder sie ihn?“, frage ich mich genervt. Eine Tür knallt. Für kurze Zeit ist es ruhig, dann höre ich wieder Gebrüll, etwas leiser diesmal. Wahrscheinlich setzen sie den Streit im hinteren Zimmer fort, nachdem sie das erste bereits verwüstet haben. Ich höre trotzdem jedes Wort, ob ich will oder nicht. Ich will nicht. Ich will schlafen, jetzt um halb zwei. Wieder knallt eine Tür, diesmal wackelt das ganze Haus. „Nun ist endlich Ruhe“, denke ich, denn das war die Wohnungstür. Das Schema ist mir bereits vertraut, es wird mehrmals in der Woche abgespielt. Aber diesmal ist der Ablauf anders: Erstens war der Streit deutlich kürzer als sonst und zweitens fehlen nach dem Zuschlagen der Wohnungstür die Geräusche, die auf ein Aufräumen oder Zusammenkehren von Scherben oder Ähnlichem schließen lassen. „Warum trennen sie sich eigentlich nicht, das ist doch ganz offensichtlich die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden?“, denke ich reflexartig, obwohl es mich eigentlich gar nicht interessiert. Aber ich kann ich nicht schlafen und weiß nicht, wohin ich meine Gedanken steuern soll. Über mein eigenes Leben nachzudenken vermeide ich, vor allem um diese Uhrzeit. Mittlerweile ist es viertel vor Zwei und ich bin so müde, dass ich nicht mehr gerade liegen kann. Von Minute zu Minute werden die Beine leichter und der Kopf schwerer. Die Wirkung der Feierabendbiere ist mittlerweile verpufft, der Magen leer und die Blase voll. Auf gar keinen Fall will ich jetzt auf die Toilette gehen. Allein der Gedanke an das helle Licht im Bad und die kalte, nackte Klobrille ist mir unerträglich. Ich bin gut darin, unabweisbare Bedürfnisse zu ignorieren und versuche meine Gedanken auf etwas Nebensächliches zu lenken und stelle Vermutungen an, wie die Klobrille eigentlich zu ihrer Bezeichnung kommen könnte. Tatsächlich schlafe ich darüber fast ein, aber auch nur beinahe, denn plötzlich klingelt es an der Tür. Ich schrecke hoch, wacher als je zuvor, fast klar im Kopf, vor allem jedoch rasend vor Wut. „Welcher Idiot kann das sein?“ Mittlerweile ist es Viertel nach Zwei. Wäre ich nicht so wütend würde ich liegen bleiben und die Störung ignorieren. Schon aus Prinzip. Aber hier und jetzt überkommt mich das Verlangen, dem Eindringling die Fresse zu polieren. Ich will mich Rächen für all die schlaflosen Nächte und die Nötigungen des alltäglichen Lebens. Ich stürme also zur Tür, drehe hastig den Schlüssel um, ziehe mit einem schnellen Ruck an der Klinke und erblicke überraschenderweise meine streitbare Nachbarin. Blutüberströmt steht sie da und reicht mir zitternd einen Schuhkarton. Sie stottert „‚tschuldigung die Störung, bitte helfen, Martin Tod, Polizei, Handy kaputt, ‚tschuldigung die Störung“. Ich reime mir zusammen, dass sie ihren Mann getötet hat und mir jetzt seinen Penis als Entschädigung für die fortwährenden Ruhestörungen schenken will. Ich fühle mich geschmeichelt, denn sie ist wirklich süß in ihrem kurzen Rock und der blutroten Bluse und ich freue mich schon auf den wohligen Schauer, der mir bei dem Anblick eines abgeschnittenen (oder gar abgesägten?) Gliedes über den Rücken laufen wird. Doch als ich den Schuhkarton öffne finde ich dort nur ein blutiges Brotmesser. Ich könnte also recht haben, dass sie ihren Macker getötet hat, aber vermutlich durfte er seinen Penis entgegen meiner Hoffnung mit ins Grab nehmen. „Was soll ich damit?“, murmle ich enttäuscht. „Polizei, Polizei, ich muss mich stellen.“ stottert sie weiter. Nun steigt doch noch die erwartete Schauer in mir hoch, aber keine von der wohligen Sorte. Es ist mehr ein Ekel, der mich überkommt. Das komplette Haus voller Polizei? Blaulicht? Uniformen? Befragungen die ganze Nacht lang? Das muss ich verhindern. Geistesgegenwärtig schlucke ich den Ekel herunter, nehme sie zur Beruhigung in den Arm und sage: „Danke, aber ich habe schon ein Brotmesser. Polizei ist nicht nötig. Ich helfe dir, die Leiche zu vergraben.“

Naturbeherrschung in der Verwertungsgesellschaft. Eine Vorweihnachtspolemik mit Happy End.

Eigentlich müsste es mir leichter fallen, ein passendes Geschenk für sie zu finden. Als wir uns kennenlernten hatten wir ein Matching von 93 %. Das hatte uns ein hochseriöses, weil kostspieliges Bumsportal, einwandfrei bescheinigt. Und es stimmte: Wir sind beide weder schlau noch dumm, weder hübsch noch hässlich, natürlich ziemlich individuell aber ohne unangenehm aus der Reihe zu fallen. Beruf: passt (irgendwas mit Wirtschaft). Bildungsstand: vorhanden (irgendwas mit Wirtschaft). Sexuelle Vorlieben: Ja. Das war vor 5 Jahren, sozusagen zu den Urzeiten des Internets. Heute bin ich schätzungsweise immer noch zu 91% verliebt, +- 5 % vielleicht, eher Minus 5 %, ein bisschen Schwund ist ja immer. Doch nun steht wieder dieses Weihnachten vor der Tür und ich brauche dringend noch ein passendes Geschenk, aber mir will zum Verrecken nichts einfallen. Vor lauter Verzweiflung habe ich mir kürzlich ihr Payback-Karten ausgeliehen und mir von den Warenhäusern Kaufanregungen geben lassen, aber Slipeinlagen hatte ich ihr schon letztes Jahr geschenkt und Klopapier gab‘s zum Geburtstag. Weil ich das dieses Mal auf jeden Fall toppen muss um nicht in ihrem Ranking zu fallen habe ich mir sogar schon Zugang zu ihrem Amazon-Konto erschlichen und mir ihre Kaufanreize anzeigen lassen. Aber da sie ständig Dinge für ihre Nichte bestellt kommt da nur Schrott bei herum.

Wie kann es sein, dass mir nichts einfällt? Was stimmt mit ihr nicht? Ich sollte dringend das Matching überprüfen lassen. Vielleicht hat sich ein Zahlendreher eingeschlichen oder die Technik war damals noch nicht ausgereift genug. Und ich Schwachkopf wollte ihr zum Weihnachtsfest einen Heiratsantrag machen, habe mir auch schon eine total romantischen Online-Kapelle rausgesucht mit 10% Rabatt auf die erste Trauung für Bumsportal-Kunden.. Das ist momentan der absolut neueste Schrei, jedenfalls total individuell, aber anscheinend zu individuell für sie.

Ich verstehe nicht, wie ich auf sie hereinfallen konnte; ich Idiot gebe mir auch noch die Schuld, dass ich kein Geschenk für sie finde, ich bin wirklich zu gut für diese Welt, in aller Bescheidenheit, vor allem zu gut für sie, wie hieß nochmal die Adresse des Bumsportals, es kann ja nicht sein, dass niemand zu mir passt, das kann nicht sein, schließlich bin ich ganz normal UND sehr besonders, jedenfalls keineswegs langweilig, wie jeder sehen kann, denn ich trage auch mal einen Hut oder eine lustige Krawatte wenn der Anlass passt, HIHI, oder Sneakers zum Anzug, W-W-W-.B-U-M-S-P-O-R-T-A-L-.-D-E, und Pullover, wo etwas draufsteht, z.B. Football #1 University of Virginia, HAHA, obwohl ich nie in den USA war und kein bisschen von Football verstehe, denn ich bin Deutscher und in Deutschland spielt man Fussball, VIER mal Weltmeister sind wir geworden, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, JAJA, ich trau mich was, an die einfallslose 08/15-Torte werde ich keine einzige Sekunde mehr verschwenden … AHA! Wen haben wir denn hier: Uli, arbeitet in der Wirtschaft, individueller Typ, ein Matching von sagenhaften 96 %, Foto etwas unscharf aber die Maße sollten stimmen. Wenn Uli jetzt für Ulrike und nicht für Ulrich steht ist Weihnachten gerettet.

Immer wieder Sonntags

Früher schon war der Sonntag ein ganz besonderer Tag, an dem etwas mehr erlaubt ist als an den übrigen Tagen. Die Katze setzte sich ungestraft mit ihrem von Kackfetzen übersäten Fellarsch auf das Bett und ich durfte bis 8.00 Uhr ausschlafen. Länger schlafen durfte ich nicht, denn um 9.30 beginnt die heilige Messe und den Herrn Jesus lässt man nicht warten, sagte meine Mutter immer. Früher gingen wir immer zu dritt in die Kirche aber das geht jetzt nicht mehr, weil Vater tot war. Er ist trotzdem immer bei uns, sagt sie, aber ich glaubte das nicht. Als er noch lebte war er das ja auch nicht. Er war auch nicht tot sondern ist mit einer belgischen Nutte durchgebrannt, sagten jedenfalls die Leute im Dorf. Aber das sah Mutter anscheinend anders. Damals wollte ich noch Pfarrer werden, hatte die Pläne aber aufgegeben nachdem ich immer heftiger an meinem kleinen Pimmelchen herumzuspielen begann. Ich bildete mir in meiner etwas ungenauen Kenntnis des Zölibats ein, das ich durch die Selbstbefleckung nun meine Chancen auf die Priesterweihe verspielt hätte. Einige Jahr später erklärte mir ein recht offenherziger Pfarrer dass einem trotz Zölibats immer hin noch die Onanie bliebe. Ob ich mit diesem Wissen an meinen Plänen noch lange festgehalten hätte wage ich allerdings zu bezweifeln. Doch zu dieser Zeit dachte ich Sonntags noch oft an Kirche und Selbstbefriedigung. Ich ahnte anscheinend schon früh dessen magische Verbindung zwischen Wichsen und Weihrauch, Masturbation und Monstranz, Sackjucken und Sakristei, Himmel und Hölle. Das war mein Leben.

Wenige Jahre später war Vater wieder da. Er ist keineswegs auferstanden von den Toten sondern bloß zurückgekehrt aus Belgien. An die Auferstehung eines Herrn Jesus glaube ich mittlerweile nicht mehr. Überhaupt war Gott nun mausetot, ich aber dafür umso lebendiger. Doch die Lebendigkeit forderte regelmäßig insbesondere an den Sonntagen ihren Tribut. Sonntag wurde Katertag und diente der Regeneration und des Vergessenmachens wochenendlicher Exzesse. Die Erotik der Religion wurde ersetzt durch stumpfe postalkoholische Geilheit, die trotz oder gerade wegen ihrer brutalen Wucht nicht die zähe, ehrliche Leere dieses Durchgangstags füllen konnte. Der Sonntag war der Holzkeil, der notdürftig zwischen dem lustvollen kurzen Wochenende und den leidvollen langen Schultagen geschlagen beide voneinander fernzuhalten versuchte. Doch der Keil drohte vom Gewicht der herannahenden Schultagen zerdrückt zu werden, denn er ist hohl geworden, jetzt, wo kein Gott mehr da ist. Aber als der Religionsschwindel einmal aufgedeckt war, war kein zurück mehr möglich. So gaben die damaligen Sonntage zwischen Wachen und Schlafen, Trinken und Dürsten, Essen und Kotzen einen süßlich-bitteren Vorgeschmack auf die zahlreichen Zwischentage, die noch kommen werden.

Mittlerweile ist Vater wahrscheinlich wirklich gestorben. Er kam von einem seiner sonntäglichen Jagdausflüge nicht mehr zurück. Jetzt, wo weder die Geilheit drängt noch die Kirche ruft und einen nur noch selten der Kater drangsaliert ist der Sonntag nur noch die harmlosere, häufiger wiederkehrende Variante des Neujahrstag. Von dem ohnehin schon fragilen Keil ist nur noch eine schmale Kennzeichnung des Übergang zwischen zwei Zeiteinheiten, die das Leben unerbittlich durchtakten, übriggeblieben. Da es nicht möglich ist, einen Tag, der in allen Kalendern dieser Welt überdeutlich hervorgehoben ist, einfach zu leugnen ziehe ich es vor, ihm auszuweichen. Ich nehme keinerlei Termine war oder Tätigkeiten auf. Ich schlafe lange und gehe früh zu Bett. Im Gegensatz zum Jahreswechsel aber kann ich mich nicht mit pathetischem Unfug trösten. Kein Feuerwerk und keine guten Vorsätze bieten Ablenkung und ich werde zurückgeworfen auf den ganz alltäglichen, tage-, stunden- und minutenweise vollzogenen Stumpfsinn. Weder vermag der Sonntag mit er zu Ende gehenden Woche zu versöhnen noch gibt er neue Kraft für die kommenden Tage. Statt dessen führt er mir die Sinnlosigkeit der werktäglichen Betriebsamkeit vor Augen und, was noch schlimmer ist, die Unfähigkeit, dem etwas gänzlich Anderes entgegen setzen zu können. Andere Überspielen dieses Scheitern mit der Herausbildung obskurer Hobbys wie Kochen, Fotografie oder Yoga. Die Menschen strömen aus ihren Wohnungen, um sich beim Fotografieren zu fotografieren oder beim Yoga begafft zu werden. Daheim werden die neuestens Ernährungsideologien ausgekocht. Wer Familie hat kultiviert unermüdlich die Keimzelle des Staates und bleibt lieber unter sich. Und wer verkatert ist erst Recht. Andere sehnen sich den Montag herbei um aus dieser Hilflosigkeit wieder befreit zu werden. Das ist wenigstens ehrlich. Ich dagegen rette mich in den kurzen Wachphasen in Tagträume von einem tiefen Rot.

Schietwetter

Tag 1: Es regnet. Die Pflanzen würden sich sicher freuen, wenn sie könnten, denn sie brauchen Wasser zum wachsen. Ich bin ein Mensch und brauche ebenfalls Wasser für alle möglichen Dinge. Wasser ist Leben, Menschen und Bier bestehen zum Großteil aus Wasser. Es macht mir also gar nichts aus, dass es heute regnet.

Tag 2: Es regnet. Nun schon seit 24 Stunden. Obwohl mir völlig klar aus, dass mein Bier nur deshalb existieren kann, weil es hin und wieder regnet, nervt es mich langsam. Ich müsste mal raus, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich denke, ein Tag Regen sollte genug sein, denn so viele Pflanzen gibt es in dieser zugeparkten Stadt sowieso nicht.

Tag 3: Es regnet. Immer noch. Ich versuche mich nicht aufzuregen und mache mir lieber noch ein Bier auf, das sollte mich vorerst beruhigen. Aber ich hoffe doch sehr, dass der Regen bald aufhört, denn das Bier ist bald leer und ich möchte ungern durch den Regen zum Supermarkt gehen.

Tag 4: Es regnet. Vier Tage sind eindeutig zu lang, denn nun ist kein Bier mehr da und ich muss wohl oder übel raus in den Regen. Es sei denn es ist noch Wodka da? Es ist noch Wodka da! Wodka ist russisch für Wasser. Welche Ironie. Ich mag aber weder Ironie noch Regen. Ich mag Bier und Wodka. Einen Tag habe ich noch Galgenfrist.

Tag 5: Im Radio wurde gesagt, dass es immer noch regnet. Ich traue mich gar nicht mehr, aus dem Fenster zu gucken und halte die Vorhänge geschlossen. Angeblich soll es diese Nacht kurz aufgehört haben zu regnen, aber das lässt sich jetzt schwerlich nachprüfen. Außerdem hätte es mir sowieso nichts genutzt, denn Nachts schlafe ich. Hamburg, das ist Elbgewalt, Polizeiharmonie und vor allem Schietwetter. So wird hier das Wetter für die Touristen genannt. Ausgebuffte Leute arbeiten da im Stadtmarketing, zynische Vollprofis, Vollidioten, werfen mit Euphemismen herum wie nix Gutes. Ich muss mich jetzt aufraffen. Es ist kein Alkohol mehr da und ich muss jetzt wirklich und endlich in den Supermarkt gehen, um Nachschub zu holen.

Tag 6: Ich habe zwölf Stunden lang meinen Regenschirm gesucht. Die Suche hat mich sehr angestrengt und als ich ob der Anstrengung langsam nüchtern wurde, habe ich schließlich den Schirm zwischen zwei toten Katzen gefunden. Verfluchter Regen, jetzt hat er auch noch meine Katzen auf dem Gewissen. Wie hätte ich bei dem Schietwetter Katzenfutter holen sollen? Nun aber raus in den Regen, rein in den Supermarkt und Bier kaufen. Im Laden angekommen läuft dort „It‘s raining man.“ Halleluja! Ich wundere mich, dass Amokläufe anscheinend Islamisten, Nazis und anderen Verrückten vorbehalten sind. Bin ich schon verrückt genug? Ich fürchte nicht, aber viel fehlt nicht mehr, daher hole ich schnell das Bier, bezahle, verlasse den Supermarkt und traue meinen Augen nicht: Der Regen hat endlich aufgehört. Aber das macht meine Katzen nun auch nicht mehr lebendig.

Die Ratte oder wie man Wasser spart

Dass eine Ratte von unten an den Klodeckel klopft ist auch für mich ungewöhnlich. Ich bin zwar nicht gerade verwundert, dass mich nun anscheinend Ratten in diesem Drecksloch besuchen wollen – aber warum ist der Klodeckel zugeklappt? Irgendetwas stimmt hier nicht und das mulmige Gefühl, das mich nun überkommt, stammt nicht nur vom Restalkohol. Es muss noch jemand in der Wohnung sein, jemand, der sehr ordentliches und hygienisches. Hatte ich gestern in der Bar tatsächlich jemanden aufgegabelt? Eine fremde Frau? Das wäre das erste Mal. Oder gar einen fremden Mann? Das wäre das allererste Mal. Ich beschloss, mich heftig in diese Sache hineinzusteigern und machte mich auf die Suche nach diesem mysteriösen Menschen. Ich durchsuchte hektisch das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, das Arbeitszimmer und das Wäschezimmer, was trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit ziemlich schnell ging, da es ein und derselbe Raum ist. Nichts. Dem Klischee nach müsste jetzt ein Zettel in der Küche liegen wo etwas drauf steht wie „War ok. Mach‘s gut, Tina.“ oder „Werd‘ erstmal erwachsen, Marc.“ Ich habe viel über Klischees gelernt durch die Zeitschriften, die beim Arzt ausliegen und einem die Wartezeit verärgern, wenn man mal wieder postalkoholische Krankschreibung brauchte. Tatsächlich lag ein Schriftstück in Form eines mit krakeliger Handschrift beschriebenes Taschentuchs auf den Küchentisch. Allerdings stand darauf „Bier, Bananen, Klopapier“ und die Handschrift war eindeutig meine. Im Leben werde ich heute nicht einkaufen gehen, sagte ich mir und nahm das Taschentuch, um mir die Nase zu popeln als mir schlagartig furchtbar übel wurde; kotzübel um genau zu sein. Gezwungen, schnell zu handeln, beschloss ich, die Toilette zurückzuerobern. Ich nahm ein Küchenmesser, stürmte ins Bad, riss den Toilettendeckel hoch und konnte gerade noch die Ratte in die Kanalisation verschwinden sehen. Die weglaufende Ratte macht den Blick frei einen Haufen Kotze, der im Klo schwamm und vor sich hin stank. Der Geruch weckte nun Erinnerungen an die letzte Nacht: Als ich heute morgen nach Hause kam hatte mich übergeben müssen. Weil ich fürchtete, dass es nicht das letzte Mal sein würde habe ich mich darauf beschränkt, den Deckel zuzuklappen und auf das Abspülen zu verzichtet, um Wasser zu sparen. Die vor sich hin gammelnde Kotze hatte dann wohl die Ratte angelockt. Leicht enttäuscht von dieser einfachen Erklärung beginne ich von Neuem zu Würgen.

Prekär beschäftigt in Zeiten des Krieges

Wir hatten uns das alles völlig anders vorgestellt, Tom, Phil und ich. Satte 17 Semester Philosophie auf dem Buckel und die ganz großen Pläne gehabt: Was machen aus seinem Leben und der Welt und überhaupt Frieden und Gerechtigkeit nach den ganzen Katastrophen. Und nun? Jetzt stehen wir hier in diesen albernen Tutus an dieser Bar und sollen diese johlenden Soldaten bespaßen damit sie beschwingt in den nächsten Scheiß-Krieg können. Und das schlimmste ist: Kein Schnaps für Angestellte. Mein Magen wird‘s mir danken. Heute ist sie wieder besonders schlimm, diese Säure. Wenn der schwitzende Fettsack von Chef uns hier an der Bar erwischt erwischt verlieren wir auch noch diesen Drecksjob. Scheiß drauf, ich würde es glatt darauf anlegen, gefeuert zu werden. Ich muss jetzt eine rauchen. Sollte irgendwann das Rauchen in öffentlichen Räumen nicht mehr gestattet sein gebe ich mir die Kugel. Ganz so wie unsere tapferen Soldaten, nur mit mehr Würde. Naja, lass uns nicht von Würde reden, solange mir ein Plüschschweif hinten herausguckt. Und die Strumpfhose ist auch schon wieder gerissen. Wenn Martha das sieht gibt‘s richtig Stress, das würde mir jetzt gerade noch fehlen. Irgend etwas läuft auch wieder zwischen Martha und Phil. Ob sie ahnt, dass er sein Röckchen gar nicht mal so ungern trägt? Sei‘s drum, soll nicht mehr mein Problem sein. Hier in dieser Bar verläuft meine ganz persönliche Frontlinie und es sieht so aus, als ob ich draufgehen werde – jetzt wo Martha weg ist. Zigarette schmeckt nicht ohne Schnaps. Kapelle fängt wieder an zu spielen, wir müssen zurück auf die Bühne.