Die Wecker

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Der Wecker klingelt nicht sondern spielt eine Melodie, weil er ein Smartphone ist. Ein Smartphone ist ein Telefon, dass so clever ist, dass es auch andere nützliche Alltagsaufgaben effizient und unterhaltsam löst. „Wer sich von klingelnden Weckern wecken lässt, geht wohl auch noch zum Arbeiten in die Fabrik.“, denkt Tim und geht in die Agentur, zum Arbeiten. Sein Wecker ist nun ein Tracker, der die Schritte zählt, die er auf seinem Arbeitsweg zurücklegt, denn was nicht registriert ist, existiert nicht. „Das ist nicht die DDR, das ist Technik.“ sinniert Tim klug, dem alles Totalitäres grundsätzlich ein Graus ist. In der Agentur angekommen zeigt das Smartphone an, zufrieden mit seiner Bewegungsaktivität zu sein. Er freut sich, dass jemand mit ihm zufrieden ist. Weil er auch ein bisschen Stolz auf seine Aktivität ist teilt das Resultat mit seinem elektronischen Umfeld. Hinter diesem Umfeld verbergen sich Freunde, Halb-Freunde, Kollegen, Bekannte, entfernte Bekannte und Unbekannte. Es ist in Ordnung, sich während der Arbeitszeit auch privat in den sozialen Medien zu bewegen, findet Tims Chef Uwe. Uwe meint, dass das hier schließlich keine Fabrik sei, sondern eine Agentur, und dass das Smartphones auch während der Arbeit zum ganz normalen Alltag dazugehören. Überhaupt seien Arbeit und das sogenannte normale Leben nicht unterscheidbar, weil heutzutage unweigerlich alles zusammen gehöre. Uwe ist zufrieden mit Tims Arbeitsleistung, aber er kann ihm wegen der gesamtwirtschaftlich etwas instabilen Lage keine Gehaltserhöhung geben. Tim versteht das, denn an Uwes Stelle würde er genau so handeln. Außerdem ist Uwe immer fair und kollegial, ganz so wie ein Chef sein sollte. Dass rechnet Tim ihm hoch an und er ist zum wiederholten Male froh, nicht in einer Fabrik arbeiten zu müssen. Überhaupt kann von arbeiten-müssen keine Rede sein, denn Tim arbeitet gerne in der Agentur weil ihm hier die Chance gegeben wird, tolle Projekte zu realisieren, die immer am Puls der Zeit sind. Und wenn er ehrlich ist gibt seine Freizeit auch nicht viel her. Aber wenn er will kann er auch mal länger in der Agentur bleiben, das ist gar kein Problem und da hat jeder Verständnis für. Einige Kollegen haben Haustiere oder Lebenspartner, aber Tim hat so etwas nicht. Wenn sein Akku abends leer ist kann er sein Smartphone auch in der Agentur aufladen, dafür hat er extra ein zweites Ladekabel in die Mehrfachsteckdose unter seinem Schreibtisch gesteckt. Er ist natürlich auch am Wochenende für die Agentur erreichbar, aber manchmal ruft gar keiner an, was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn man sieht sich ja spätestens Montag wieder. Gerne geht Tim auch auf die Afterwork-Parties und Team-Events. Zunächst war er skeptisch, ob er sich mit den Kollegen privat auch so gut verstehen würde, aber diese Sorgen ließen sich schnell zerstreuen denn es gibt immer ausreichend Gesprächsthemen wie Smartphones allgemein, Smartphone-Tarife, Smartphone-Schutzhüllen und Smartphone-Versicherungen. Wenn fachliches und privates so zusammenkommen gewinnen am Ende immer alle. Tim mag Win-Win-Situation genauso gerne wie sein Chef Uwe. Überhaupt ist der Uwe ein toller Chef, der weiß, wie er mit Menschen umgehen muss, so dass alle eingebunden sind. Das macht er gut.
Eines Tages wird Tim auf dem Nachhauseweg von einem Kleinwagen erfasst und schwer verletzt werden. Er wird noch am Unfallort sterben. Aber Tim wird Glück im Unglück haben: Ein Passant wird diesen Unfall zufällig filmen und dadurch wird Tim für immer auf den Internet-Plattformen dieser Welt weiter leben. Weiterlesen “Die Wecker”

Fortschritt

Die Menschen, die Tag ein, Tag aus so hart an und für den Fortschritt arbeiten, sollten vielleicht eine Zeit inne halten um sich fünf Fragen zu beantworten: Was ist Fortschritt? Ist Fortschritt gut? Was ist gut? Ist Fortschritt gut? Was ist Fortschritt?
Dies könnte ohne weiteres ein paar Monate, vielleicht Jahre dauern. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, von dem jede und jeder gut leben kann, könnte bei einem solchen Unterfangen in einem doppelten Sinn hilfreich sein: Als Existenzsicherung einerseits und als Beispiel für eine Fortschrittlichkeit andererseits, die deshalb gut ist, weil sie von einem selbst auferlegten und damit unnötigem Zwang befreit.

Naturbeherrschung in der Verwertungsgesellschaft. Eine Vorweihnachtspolemik mit Happy End.

Eigentlich müsste es mir leichter fallen, ein passendes Geschenk für sie zu finden. Als wir uns kennenlernten hatten wir ein Matching von 93 %. Das hatte uns ein hochseriöses, weil kostspieliges Bumsportal, einwandfrei bescheinigt. Und es stimmte: Wir sind beide weder schlau noch dumm, weder hübsch noch hässlich, natürlich ziemlich individuell aber ohne unangenehm aus der Reihe zu fallen. Beruf: passt (irgendwas mit Wirtschaft). Bildungsstand: vorhanden (irgendwas mit Wirtschaft). Sexuelle Vorlieben: Ja. Das war vor 5 Jahren, sozusagen zu den Urzeiten des Internets. Heute bin ich schätzungsweise immer noch zu 91% verliebt, +- 5 % vielleicht, eher Minus 5 %, ein bisschen Schwund ist ja immer. Doch nun steht wieder dieses Weihnachten vor der Tür und ich brauche dringend noch ein passendes Geschenk, aber mir will zum Verrecken nichts einfallen. Vor lauter Verzweiflung habe ich mir kürzlich ihr Payback-Karten ausgeliehen und mir von den Warenhäusern Kaufanregungen geben lassen, aber Slipeinlagen hatte ich ihr schon letztes Jahr geschenkt und Klopapier gab‘s zum Geburtstag. Weil ich das dieses Mal auf jeden Fall toppen muss um nicht in ihrem Ranking zu fallen habe ich mir sogar schon Zugang zu ihrem Amazon-Konto erschlichen und mir ihre Kaufanreize anzeigen lassen. Aber da sie ständig Dinge für ihre Nichte bestellt kommt da nur Schrott bei herum.

Wie kann es sein, dass mir nichts einfällt? Was stimmt mit ihr nicht? Ich sollte dringend das Matching überprüfen lassen. Vielleicht hat sich ein Zahlendreher eingeschlichen oder die Technik war damals noch nicht ausgereift genug. Und ich Schwachkopf wollte ihr zum Weihnachtsfest einen Heiratsantrag machen, habe mir auch schon eine total romantischen Online-Kapelle rausgesucht mit 10% Rabatt auf die erste Trauung für Bumsportal-Kunden.. Das ist momentan der absolut neueste Schrei, jedenfalls total individuell, aber anscheinend zu individuell für sie.

Ich verstehe nicht, wie ich auf sie hereinfallen konnte; ich Idiot gebe mir auch noch die Schuld, dass ich kein Geschenk für sie finde, ich bin wirklich zu gut für diese Welt, in aller Bescheidenheit, vor allem zu gut für sie, wie hieß nochmal die Adresse des Bumsportals, es kann ja nicht sein, dass niemand zu mir passt, das kann nicht sein, schließlich bin ich ganz normal UND sehr besonders, jedenfalls keineswegs langweilig, wie jeder sehen kann, denn ich trage auch mal einen Hut oder eine lustige Krawatte wenn der Anlass passt, HIHI, oder Sneakers zum Anzug, W-W-W-.B-U-M-S-P-O-R-T-A-L-.-D-E, und Pullover, wo etwas draufsteht, z.B. Football #1 University of Virginia, HAHA, obwohl ich nie in den USA war und kein bisschen von Football verstehe, denn ich bin Deutscher und in Deutschland spielt man Fussball, VIER mal Weltmeister sind wir geworden, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, JAJA, ich trau mich was, an die einfallslose 08/15-Torte werde ich keine einzige Sekunde mehr verschwenden … AHA! Wen haben wir denn hier: Uli, arbeitet in der Wirtschaft, individueller Typ, ein Matching von sagenhaften 96 %, Foto etwas unscharf aber die Maße sollten stimmen. Wenn Uli jetzt für Ulrike und nicht für Ulrich steht ist Weihnachten gerettet.

Was Thomas Bernhard in “Auslöschung – Ein Zerfall” über das Thema Fotografie interessantes zu sagen hat

Das 1986 erschienene Werk „Auslöschung – Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard enthält neben zahlreichen anderen erhellenden Textstellen auch solche zum Thema Fotografie. Trotz, oder vielleicht sogar gerade wegen ihrer Polemik und Übertreibung treffen sie das „Wesen“ dieses Phänomens, den das Geschwafel über Fotografie als Kunstform, wenn nicht wissentlich dann zumindest willentlich ganz gründlich verfehlt.

Die technische Zugerichtetheit der Tätigkeit des Fotografierens, bei der es mehr auf auf die korrekte Handhabung eines technischen Artefakts als auf konkrete Geistestätigkeit ankommt, ist nicht sein Thema. Vielmehr steht das Resultat der Tätigkeit im Vordergrund: Die Fotografie als „heimtückische perverse Fälschung […] eine absolute Verletzung der Menschenwürde, eine ungeheuerliche Naturverfälschung, eine gemeine Unmenschlichkeit“. Selten hat jemand so schön und wahr vom Leder gezogen. Der Protagonist Murnau betrachtet eine Fotografie, die seine Eltern und seinen Bruder im Urlaub darstellt. Alle drei sind kürzlich bei einem Unfall ums Leben gekommen. Nachdem ihn diese Nachricht erreichte, betrachtete er diese Fotografie mit einigem Ärger. Er hasst seine Familie wegen ihres kleingeistigen und faschistoiden Charakters und entdeckt gerade in dieser perversen Verfälschung der Natur den wahren Charakter seiner Familie, weil in dem Augenblick der Aufnahme die Eltern und den Bruder gerade so wiedergegeben werden, wie sie wirklich sind. Sie versuchen krampfhaft und auf lächerliche Weise gut gelaunt und glücklich auszusehen, was sie zeitlebens nie wahren: „Alle drei waren sie jetzt, vor mir auf dem Schreibtisch, keine zehn Zentimeter groß und in modischer Kleidung und grotesker Körperhaltung, die auf eine ebenso groteske Geisteshaltung schließen lässt.“

Mit Fotografie lässt sich also vielleicht doch Wahres darstellen, nur eben auf eine dialektische Weise, die dem Fotografen oder der Fotografin gemäß Murnau nicht bewusst ist: „Ich verachte die Leute, die fortwährend am  Fotografieren sind und die ganze Zeit mit ihrem Fotoapparat um den Hals umherlaufen. Fortwährend sind sie auf der Suche nach einem Motiv und sie fotografieren alles und jedes, selbst das Unsinnigste. Fortwährend haben sie nichts im Kopf, als sich selbst darzustellen und immer auf die abstoßendste Weise […]“. Sie machten sich der perversen Verzerrung schuldig. Die Fotografie sei eine perverse Sucht, die nach und nach die gesamte Menschheit erfasse, weil diese in die Verzerrung vernarrt sei und die perverse Welt für die einzig Wahre nehmen. Der „menschenfeindlichsten aller Künste“, die Krankheit, die nach und nach die ganze Welt erfasse, verdanke man die endgültige Verzerrung der Natur, weil sie den Menschen zu einer perversen Fratze degradiert. „Die Fotografie ist das größte Unglück des Zwanzigsten Jahrhunderts“.

Gibt es denn vielleicht doch eine Chance für die Kunstform der Fotografie, weil sich, wie oben gezeigt, doch Wahres darstellen lässt? Murnau verneint dies, da die Fotografie in jedem Fall entstellt bliebe. Er sehe die Wahrheit nur, weil er seine verhassten Eltern eben kenne. Allenfalls hilft ihm die Fotografie dabei seine Eltern und seinen Bruder eben so zu erkennen, wie er sie sowieso schon sieht. Aber diese Sicht auf diese Personen eröffnet sich niemand anderem beim Betrachten des Fotos.

Murnau hat Recht wenn er behauptet, dass Fotografien nichts Neues zeigen. Die andere Perspektive auf die Realität, die eine Fotografie aufzeigen könnte, ist bestenfalls ein eingeschränktes, limitiertes Abbild der Wirklichkeit. Damit taugen sie nicht als Kunst. Folgt man ihm auch bei seiner These der Verzerrung, und das sollte man, sind Fotografien nicht mal mehr eingeschränkte Wahrheiten, sondern schlicht Lügen. Was bleibt also übrig von dem Foto? Darauf hat Murnau bereits die Antwort gegeben: Eine abstoßende Art und Weise der Selbstdarstellung.

“Prometheus” oder “Die Geschichte der Menschheit in zwei, drei Sätzen”

Die Geschichte der Menschheit ist schnell erzählt. Zunächst passierte eine lange Zeit nicht viel. Adam und Eva lebten mit Mohammed schiedlich friedlich zwischen Euphrat und Tigris und hatten nur wenige Sorgen. Säuglingssterblichkeit und regelmäßige Tieropfer bestimmten ihr Leben. Eines Tages stiftet der griechische Titan Prometheus die Dreien an, den Göttern nur das Gammelfleisch zu opfern und die beste Stücke selber zu verputzen. Eva ist sofort Feuer und Flamme von dieser Idee und begierig, endlich ihren Veganismus zu überwinden überzeugt sie die gottesfürchtigen Männer von dieser List. Doch es kam, wie es kommen musste: Zeus erfuhr von dieser List nahm den Menschen zur Strafe ihre Smartphones weg. Prometheus, schon immer ein wahrer Menschenfreund und in großer Sorge um die Überlebensfähigkeit der Menschen ohne ihrer intelligenten Helfer, entriss daraufhin Zeus wieder die Smartphones und gab sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurück. Daraufhin bestrafte Zeus Prometheus und ließ im Kaukasus festschmieden, wo ihn regelmäßig ein Adler aufsuchte, um von seiner Leber zu essen. Doch seine Leber erneuerte sich ständig selber und schließlich begnadete Zeus den Abtrünnigen.

Von der Smartphone-Affinität der Menschen beeindruckt kam ihm eine Idee, und weil eine Idee nichts Wert ist ohne sein Startup, dass sie in die Tat umsetzt, erstellte er eine Art Plattform erstellte, wo jeder Vollidiot seiner idiotischen Photos mit anderen Vollidioten „teilen“ kann. Von diesem Zeitpunkt an war die Menschheit dem Untergang geweiht. Das Startup expandierte schnell und Prometheus war irgendwann selbst mit seinen titanischen Kräften am Ende und sah sich gezwungen, Adam als Wissenschaftler zu einzustellen. Da sich Adam aber bisher nur der Poesie und (so viel wie gerade nötig) dem Ackerbau gewidmet hatte baute Prometheus eine Universität, um ihm Disziplin und richtige Naturbeherrschung beizubringen. Als Prometheus zu einigem Reichtum gekommen war gründete er mit dem überschüssigen Kapital weiterer Startups und stellte nach und nach auch die Frau und schließlich sogar den Ausländer ein. Da die Plattformen werbefinanziert war, brauchte Prometheus aber mehr User und ermutigte Adam und Eva, sich einerseits fleißig zu vermehren und sich andererseits dem Fortschritt zu widmen, um die Säuglingssterblichkeit zu verringern. Als Dank gewährten ihm die Menschen, persönliche Benutzerprofile zu erstellen, um effizienter werben zu können. Prometheus wiederum revanchierte sich mit neuen Features, mit denen sich wiederum mehr Daten generieren ließen. Und so weiter, und so fort.