Naturbeherrschung in der Verwertungsgesellschaft. Eine Vorweihnachtspolemik mit Happy End.

Eigentlich müsste es mir leichter fallen, ein passendes Geschenk für sie zu finden. Als wir uns kennenlernten hatten wir ein Matching von 93 %. Das hatte uns ein hochseriöses, weil kostspieliges Bumsportal, einwandfrei bescheinigt. Und es stimmte: Wir sind beide weder schlau noch dumm, weder hübsch noch hässlich, natürlich ziemlich individuell aber ohne unangenehm aus der Reihe zu fallen. Beruf: passt (irgendwas mit Wirtschaft). Bildungsstand: vorhanden (irgendwas mit Wirtschaft). Sexuelle Vorlieben: Ja. Das war vor 5 Jahren, sozusagen zu den Urzeiten des Internets. Heute bin ich schätzungsweise immer noch zu 91% verliebt, +- 5 % vielleicht, eher Minus 5 %, ein bisschen Schwund ist ja immer. Doch nun steht wieder dieses Weihnachten vor der Tür und ich brauche dringend noch ein passendes Geschenk, aber mir will zum Verrecken nichts einfallen. Vor lauter Verzweiflung habe ich mir kürzlich ihr Payback-Karten ausgeliehen und mir von den Warenhäusern Kaufanregungen geben lassen, aber Slipeinlagen hatte ich ihr schon letztes Jahr geschenkt und Klopapier gab‘s zum Geburtstag. Weil ich das dieses Mal auf jeden Fall toppen muss um nicht in ihrem Ranking zu fallen habe ich mir sogar schon Zugang zu ihrem Amazon-Konto erschlichen und mir ihre Kaufanreize anzeigen lassen. Aber da sie ständig Dinge für ihre Nichte bestellt kommt da nur Schrott bei herum.

Wie kann es sein, dass mir nichts einfällt? Was stimmt mit ihr nicht? Ich sollte dringend das Matching überprüfen lassen. Vielleicht hat sich ein Zahlendreher eingeschlichen oder die Technik war damals noch nicht ausgereift genug. Und ich Schwachkopf wollte ihr zum Weihnachtsfest einen Heiratsantrag machen, habe mir auch schon eine total romantischen Online-Kapelle rausgesucht mit 10% Rabatt auf die erste Trauung für Bumsportal-Kunden.. Das ist momentan der absolut neueste Schrei, jedenfalls total individuell, aber anscheinend zu individuell für sie.

Ich verstehe nicht, wie ich auf sie hereinfallen konnte; ich Idiot gebe mir auch noch die Schuld, dass ich kein Geschenk für sie finde, ich bin wirklich zu gut für diese Welt, in aller Bescheidenheit, vor allem zu gut für sie, wie hieß nochmal die Adresse des Bumsportals, es kann ja nicht sein, dass niemand zu mir passt, das kann nicht sein, schließlich bin ich ganz normal UND sehr besonders, jedenfalls keineswegs langweilig, wie jeder sehen kann, denn ich trage auch mal einen Hut oder eine lustige Krawatte wenn der Anlass passt, HIHI, oder Sneakers zum Anzug, W-W-W-.B-U-M-S-P-O-R-T-A-L-.-D-E, und Pullover, wo etwas draufsteht, z.B. Football #1 University of Virginia, HAHA, obwohl ich nie in den USA war und kein bisschen von Football verstehe, denn ich bin Deutscher und in Deutschland spielt man Fussball, VIER mal Weltmeister sind wir geworden, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, JAJA, ich trau mich was, an die einfallslose 08/15-Torte werde ich keine einzige Sekunde mehr verschwenden … AHA! Wen haben wir denn hier: Uli, arbeitet in der Wirtschaft, individueller Typ, ein Matching von sagenhaften 96 %, Foto etwas unscharf aber die Maße sollten stimmen. Wenn Uli jetzt für Ulrike und nicht für Ulrich steht ist Weihnachten gerettet.

Immer wieder Sonntags

Früher schon war der Sonntag ein ganz besonderer Tag, an dem etwas mehr erlaubt ist als an den übrigen Tagen. Die Katze setzte sich ungestraft mit ihrem von Kackfetzen übersäten Fellarsch auf das Bett und ich durfte bis 8.00 Uhr ausschlafen. Länger schlafen durfte ich nicht, denn um 9.30 beginnt die heilige Messe und den Herrn Jesus lässt man nicht warten, sagte meine Mutter immer. Früher gingen wir immer zu dritt in die Kirche aber das geht jetzt nicht mehr, weil Vater tot war. Er ist trotzdem immer bei uns, sagt sie, aber ich glaubte das nicht. Als er noch lebte war er das ja auch nicht. Er war auch nicht tot sondern ist mit einer belgischen Nutte durchgebrannt, sagten jedenfalls die Leute im Dorf. Aber das sah Mutter anscheinend anders. Damals wollte ich noch Pfarrer werden, hatte die Pläne aber aufgegeben nachdem ich immer heftiger an meinem kleinen Pimmelchen herumzuspielen begann. Ich bildete mir in meiner etwas ungenauen Kenntnis des Zölibats ein, das ich durch die Selbstbefleckung nun meine Chancen auf die Priesterweihe verspielt hätte. Einige Jahr später erklärte mir ein recht offenherziger Pfarrer dass einem trotz Zölibats immer hin noch die Onanie bliebe. Ob ich mit diesem Wissen an meinen Plänen noch lange festgehalten hätte wage ich allerdings zu bezweifeln. Doch zu dieser Zeit dachte ich Sonntags noch oft an Kirche und Selbstbefriedigung. Ich ahnte anscheinend schon früh dessen magische Verbindung zwischen Wichsen und Weihrauch, Masturbation und Monstranz, Sackjucken und Sakristei, Himmel und Hölle. Das war mein Leben.

Wenige Jahre später war Vater wieder da. Er ist keineswegs auferstanden von den Toten sondern bloß zurückgekehrt aus Belgien. An die Auferstehung eines Herrn Jesus glaube ich mittlerweile nicht mehr. Überhaupt war Gott nun mausetot, ich aber dafür umso lebendiger. Doch die Lebendigkeit forderte regelmäßig insbesondere an den Sonntagen ihren Tribut. Sonntag wurde Katertag und diente der Regeneration und des Vergessenmachens wochenendlicher Exzesse. Die Erotik der Religion wurde ersetzt durch stumpfe postalkoholische Geilheit, die trotz oder gerade wegen ihrer brutalen Wucht nicht die zähe, ehrliche Leere dieses Durchgangstags füllen konnte. Der Sonntag war der Holzkeil, der notdürftig zwischen dem lustvollen kurzen Wochenende und den leidvollen langen Schultagen geschlagen beide voneinander fernzuhalten versuchte. Doch der Keil drohte vom Gewicht der herannahenden Schultagen zerdrückt zu werden, denn er ist hohl geworden, jetzt, wo kein Gott mehr da ist. Aber als der Religionsschwindel einmal aufgedeckt war, war kein zurück mehr möglich. So gaben die damaligen Sonntage zwischen Wachen und Schlafen, Trinken und Dürsten, Essen und Kotzen einen süßlich-bitteren Vorgeschmack auf die zahlreichen Zwischentage, die noch kommen werden.

Mittlerweile ist Vater wahrscheinlich wirklich gestorben. Er kam von einem seiner sonntäglichen Jagdausflüge nicht mehr zurück. Jetzt, wo weder die Geilheit drängt noch die Kirche ruft und einen nur noch selten der Kater drangsaliert ist der Sonntag nur noch die harmlosere, häufiger wiederkehrende Variante des Neujahrstag. Von dem ohnehin schon fragilen Keil ist nur noch eine schmale Kennzeichnung des Übergang zwischen zwei Zeiteinheiten, die das Leben unerbittlich durchtakten, übriggeblieben. Da es nicht möglich ist, einen Tag, der in allen Kalendern dieser Welt überdeutlich hervorgehoben ist, einfach zu leugnen ziehe ich es vor, ihm auszuweichen. Ich nehme keinerlei Termine war oder Tätigkeiten auf. Ich schlafe lange und gehe früh zu Bett. Im Gegensatz zum Jahreswechsel aber kann ich mich nicht mit pathetischem Unfug trösten. Kein Feuerwerk und keine guten Vorsätze bieten Ablenkung und ich werde zurückgeworfen auf den ganz alltäglichen, tage-, stunden- und minutenweise vollzogenen Stumpfsinn. Weder vermag der Sonntag mit er zu Ende gehenden Woche zu versöhnen noch gibt er neue Kraft für die kommenden Tage. Statt dessen führt er mir die Sinnlosigkeit der werktäglichen Betriebsamkeit vor Augen und, was noch schlimmer ist, die Unfähigkeit, dem etwas gänzlich Anderes entgegen setzen zu können. Andere Überspielen dieses Scheitern mit der Herausbildung obskurer Hobbys wie Kochen, Fotografie oder Yoga. Die Menschen strömen aus ihren Wohnungen, um sich beim Fotografieren zu fotografieren oder beim Yoga begafft zu werden. Daheim werden die neuestens Ernährungsideologien ausgekocht. Wer Familie hat kultiviert unermüdlich die Keimzelle des Staates und bleibt lieber unter sich. Und wer verkatert ist erst Recht. Andere sehnen sich den Montag herbei um aus dieser Hilflosigkeit wieder befreit zu werden. Das ist wenigstens ehrlich. Ich dagegen rette mich in den kurzen Wachphasen in Tagträume von einem tiefen Rot.

Schietwetter

Tag 1: Es regnet. Die Pflanzen würden sich sicher freuen, wenn sie könnten, denn sie brauchen Wasser zum wachsen. Ich bin ein Mensch und brauche ebenfalls Wasser für alle möglichen Dinge. Wasser ist Leben, Menschen und Bier bestehen zum Großteil aus Wasser. Es macht mir also gar nichts aus, dass es heute regnet.

Tag 2: Es regnet. Nun schon seit 24 Stunden. Obwohl mir völlig klar aus, dass mein Bier nur deshalb existieren kann, weil es hin und wieder regnet, nervt es mich langsam. Ich müsste mal raus, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich denke, ein Tag Regen sollte genug sein, denn so viele Pflanzen gibt es in dieser zugeparkten Stadt sowieso nicht.

Tag 3: Es regnet. Immer noch. Ich versuche mich nicht aufzuregen und mache mir lieber noch ein Bier auf, das sollte mich vorerst beruhigen. Aber ich hoffe doch sehr, dass der Regen bald aufhört, denn das Bier ist bald leer und ich möchte ungern durch den Regen zum Supermarkt gehen.

Tag 4: Es regnet. Vier Tage sind eindeutig zu lang, denn nun ist kein Bier mehr da und ich muss wohl oder übel raus in den Regen. Es sei denn es ist noch Wodka da? Es ist noch Wodka da! Wodka ist russisch für Wasser. Welche Ironie. Ich mag aber weder Ironie noch Regen. Ich mag Bier und Wodka. Einen Tag habe ich noch Galgenfrist.

Tag 5: Im Radio wurde gesagt, dass es immer noch regnet. Ich traue mich gar nicht mehr, aus dem Fenster zu gucken und halte die Vorhänge geschlossen. Angeblich soll es diese Nacht kurz aufgehört haben zu regnen, aber das lässt sich jetzt schwerlich nachprüfen. Außerdem hätte es mir sowieso nichts genutzt, denn Nachts schlafe ich. Hamburg, das ist Elbgewalt, Polizeiharmonie und vor allem Schietwetter. So wird hier das Wetter für die Touristen genannt. Ausgebuffte Leute arbeiten da im Stadtmarketing, zynische Vollprofis, Vollidioten, werfen mit Euphemismen herum wie nix Gutes. Ich muss mich jetzt aufraffen. Es ist kein Alkohol mehr da und ich muss jetzt wirklich und endlich in den Supermarkt gehen, um Nachschub zu holen.

Tag 6: Ich habe zwölf Stunden lang meinen Regenschirm gesucht. Die Suche hat mich sehr angestrengt und als ich ob der Anstrengung langsam nüchtern wurde, habe ich schließlich den Schirm zwischen zwei toten Katzen gefunden. Verfluchter Regen, jetzt hat er auch noch meine Katzen auf dem Gewissen. Wie hätte ich bei dem Schietwetter Katzenfutter holen sollen? Nun aber raus in den Regen, rein in den Supermarkt und Bier kaufen. Im Laden angekommen läuft dort „It‘s raining man.“ Halleluja! Ich wundere mich, dass Amokläufe anscheinend Islamisten, Nazis und anderen Verrückten vorbehalten sind. Bin ich schon verrückt genug? Ich fürchte nicht, aber viel fehlt nicht mehr, daher hole ich schnell das Bier, bezahle, verlasse den Supermarkt und traue meinen Augen nicht: Der Regen hat endlich aufgehört. Aber das macht meine Katzen nun auch nicht mehr lebendig.

Das halbleere Glas des Trinkers

Dieses ganze Geschwätz über das halbvolle Glas nervt. Es ist keine Frage der Haltung zum positiven Denken. Entscheidend ist alleine die Bewegungstendenz des Füllstands: Während des Einschenkens ist das Glas, wenn die Prozedur zur Hälfte abgeschlossen ist, halb voll. Dagegen ist das Glas während des (aus)trinkens an diesem Zeitpunkt halb leer. Ich bevorzuge die Haltung des Trinkers.

Die Ratte oder wie man Wasser spart

Dass eine Ratte von unten an den Klodeckel klopft ist auch für mich ungewöhnlich. Ich bin zwar nicht gerade verwundert, dass mich nun anscheinend Ratten in diesem Drecksloch besuchen wollen – aber warum ist der Klodeckel zugeklappt? Irgendetwas stimmt hier nicht und das mulmige Gefühl, das mich nun überkommt, stammt nicht nur vom Restalkohol. Es muss noch jemand in der Wohnung sein, jemand, der sehr ordentliches und hygienisches. Hatte ich gestern in der Bar tatsächlich jemanden aufgegabelt? Eine fremde Frau? Das wäre das erste Mal. Oder gar einen fremden Mann? Das wäre das allererste Mal. Ich beschloss, mich heftig in diese Sache hineinzusteigern und machte mich auf die Suche nach diesem mysteriösen Menschen. Ich durchsuchte hektisch das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, das Arbeitszimmer und das Wäschezimmer, was trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit ziemlich schnell ging, da es ein und derselbe Raum ist. Nichts. Dem Klischee nach müsste jetzt ein Zettel in der Küche liegen wo etwas drauf steht wie „War ok. Mach‘s gut, Tina.“ oder „Werd‘ erstmal erwachsen, Marc.“ Ich habe viel über Klischees gelernt durch die Zeitschriften, die beim Arzt ausliegen und einem die Wartezeit verärgern, wenn man mal wieder postalkoholische Krankschreibung brauchte. Tatsächlich lag ein Schriftstück in Form eines mit krakeliger Handschrift beschriebenes Taschentuchs auf den Küchentisch. Allerdings stand darauf „Bier, Bananen, Klopapier“ und die Handschrift war eindeutig meine. Im Leben werde ich heute nicht einkaufen gehen, sagte ich mir und nahm das Taschentuch, um mir die Nase zu popeln als mir schlagartig furchtbar übel wurde; kotzübel um genau zu sein. Gezwungen, schnell zu handeln, beschloss ich, die Toilette zurückzuerobern. Ich nahm ein Küchenmesser, stürmte ins Bad, riss den Toilettendeckel hoch und konnte gerade noch die Ratte in die Kanalisation verschwinden sehen. Die weglaufende Ratte macht den Blick frei einen Haufen Kotze, der im Klo schwamm und vor sich hin stank. Der Geruch weckte nun Erinnerungen an die letzte Nacht: Als ich heute morgen nach Hause kam hatte mich übergeben müssen. Weil ich fürchtete, dass es nicht das letzte Mal sein würde habe ich mich darauf beschränkt, den Deckel zuzuklappen und auf das Abspülen zu verzichtet, um Wasser zu sparen. Die vor sich hin gammelnde Kotze hatte dann wohl die Ratte angelockt. Leicht enttäuscht von dieser einfachen Erklärung beginne ich von Neuem zu Würgen.

Was Thomas Bernhard in “Auslöschung – Ein Zerfall” über das Thema Fotografie interessantes zu sagen hat

Das 1986 erschienene Werk „Auslöschung – Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard enthält neben zahlreichen anderen erhellenden Textstellen auch solche zum Thema Fotografie. Trotz, oder vielleicht sogar gerade wegen ihrer Polemik und Übertreibung treffen sie das „Wesen“ dieses Phänomens, den das Geschwafel über Fotografie als Kunstform, wenn nicht wissentlich dann zumindest willentlich ganz gründlich verfehlt.

Die technische Zugerichtetheit der Tätigkeit des Fotografierens, bei der es mehr auf auf die korrekte Handhabung eines technischen Artefakts als auf konkrete Geistestätigkeit ankommt, ist nicht sein Thema. Vielmehr steht das Resultat der Tätigkeit im Vordergrund: Die Fotografie als „heimtückische perverse Fälschung […] eine absolute Verletzung der Menschenwürde, eine ungeheuerliche Naturverfälschung, eine gemeine Unmenschlichkeit“. Selten hat jemand so schön und wahr vom Leder gezogen. Der Protagonist Murnau betrachtet eine Fotografie, die seine Eltern und seinen Bruder im Urlaub darstellt. Alle drei sind kürzlich bei einem Unfall ums Leben gekommen. Nachdem ihn diese Nachricht erreichte, betrachtete er diese Fotografie mit einigem Ärger. Er hasst seine Familie wegen ihres kleingeistigen und faschistoiden Charakters und entdeckt gerade in dieser perversen Verfälschung der Natur den wahren Charakter seiner Familie, weil in dem Augenblick der Aufnahme die Eltern und den Bruder gerade so wiedergegeben werden, wie sie wirklich sind. Sie versuchen krampfhaft und auf lächerliche Weise gut gelaunt und glücklich auszusehen, was sie zeitlebens nie wahren: „Alle drei waren sie jetzt, vor mir auf dem Schreibtisch, keine zehn Zentimeter groß und in modischer Kleidung und grotesker Körperhaltung, die auf eine ebenso groteske Geisteshaltung schließen lässt.“

Mit Fotografie lässt sich also vielleicht doch Wahres darstellen, nur eben auf eine dialektische Weise, die dem Fotografen oder der Fotografin gemäß Murnau nicht bewusst ist: „Ich verachte die Leute, die fortwährend am  Fotografieren sind und die ganze Zeit mit ihrem Fotoapparat um den Hals umherlaufen. Fortwährend sind sie auf der Suche nach einem Motiv und sie fotografieren alles und jedes, selbst das Unsinnigste. Fortwährend haben sie nichts im Kopf, als sich selbst darzustellen und immer auf die abstoßendste Weise […]“. Sie machten sich der perversen Verzerrung schuldig. Die Fotografie sei eine perverse Sucht, die nach und nach die gesamte Menschheit erfasse, weil diese in die Verzerrung vernarrt sei und die perverse Welt für die einzig Wahre nehmen. Der „menschenfeindlichsten aller Künste“, die Krankheit, die nach und nach die ganze Welt erfasse, verdanke man die endgültige Verzerrung der Natur, weil sie den Menschen zu einer perversen Fratze degradiert. „Die Fotografie ist das größte Unglück des Zwanzigsten Jahrhunderts“.

Gibt es denn vielleicht doch eine Chance für die Kunstform der Fotografie, weil sich, wie oben gezeigt, doch Wahres darstellen lässt? Murnau verneint dies, da die Fotografie in jedem Fall entstellt bliebe. Er sehe die Wahrheit nur, weil er seine verhassten Eltern eben kenne. Allenfalls hilft ihm die Fotografie dabei seine Eltern und seinen Bruder eben so zu erkennen, wie er sie sowieso schon sieht. Aber diese Sicht auf diese Personen eröffnet sich niemand anderem beim Betrachten des Fotos.

Murnau hat Recht wenn er behauptet, dass Fotografien nichts Neues zeigen. Die andere Perspektive auf die Realität, die eine Fotografie aufzeigen könnte, ist bestenfalls ein eingeschränktes, limitiertes Abbild der Wirklichkeit. Damit taugen sie nicht als Kunst. Folgt man ihm auch bei seiner These der Verzerrung, und das sollte man, sind Fotografien nicht mal mehr eingeschränkte Wahrheiten, sondern schlicht Lügen. Was bleibt also übrig von dem Foto? Darauf hat Murnau bereits die Antwort gegeben: Eine abstoßende Art und Weise der Selbstdarstellung.

Prekär beschäftigt in Zeiten des Krieges

Wir hatten uns das alles völlig anders vorgestellt, Tom, Phil und ich. Satte 17 Semester Philosophie auf dem Buckel und die ganz großen Pläne gehabt: Was machen aus seinem Leben und der Welt und überhaupt Frieden und Gerechtigkeit nach den ganzen Katastrophen. Und nun? Jetzt stehen wir hier in diesen albernen Tutus an dieser Bar und sollen diese johlenden Soldaten bespaßen damit sie beschwingt in den nächsten Scheiß-Krieg können. Und das schlimmste ist: Kein Schnaps für Angestellte. Mein Magen wird‘s mir danken. Heute ist sie wieder besonders schlimm, diese Säure. Wenn der schwitzende Fettsack von Chef uns hier an der Bar erwischt erwischt verlieren wir auch noch diesen Drecksjob. Scheiß drauf, ich würde es glatt darauf anlegen, gefeuert zu werden. Ich muss jetzt eine rauchen. Sollte irgendwann das Rauchen in öffentlichen Räumen nicht mehr gestattet sein gebe ich mir die Kugel. Ganz so wie unsere tapferen Soldaten, nur mit mehr Würde. Naja, lass uns nicht von Würde reden, solange mir ein Plüschschweif hinten herausguckt. Und die Strumpfhose ist auch schon wieder gerissen. Wenn Martha das sieht gibt‘s richtig Stress, das würde mir jetzt gerade noch fehlen. Irgend etwas läuft auch wieder zwischen Martha und Phil. Ob sie ahnt, dass er sein Röckchen gar nicht mal so ungern trägt? Sei‘s drum, soll nicht mehr mein Problem sein. Hier in dieser Bar verläuft meine ganz persönliche Frontlinie und es sieht so aus, als ob ich draufgehen werde – jetzt wo Martha weg ist. Zigarette schmeckt nicht ohne Schnaps. Kapelle fängt wieder an zu spielen, wir müssen zurück auf die Bühne.

“Prometheus” oder “Die Geschichte der Menschheit in zwei, drei Sätzen”

Die Geschichte der Menschheit ist schnell erzählt. Zunächst passierte eine lange Zeit nicht viel. Adam und Eva lebten mit Mohammed schiedlich friedlich zwischen Euphrat und Tigris und hatten nur wenige Sorgen. Säuglingssterblichkeit und regelmäßige Tieropfer bestimmten ihr Leben. Eines Tages stiftet der griechische Titan Prometheus die Dreien an, den Göttern nur das Gammelfleisch zu opfern und die beste Stücke selber zu verputzen. Eva ist sofort Feuer und Flamme von dieser Idee und begierig, endlich ihren Veganismus zu überwinden überzeugt sie die gottesfürchtigen Männer von dieser List. Doch es kam, wie es kommen musste: Zeus erfuhr von dieser List nahm den Menschen zur Strafe ihre Smartphones weg. Prometheus, schon immer ein wahrer Menschenfreund und in großer Sorge um die Überlebensfähigkeit der Menschen ohne ihrer intelligenten Helfer, entriss daraufhin Zeus wieder die Smartphones und gab sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurück. Daraufhin bestrafte Zeus Prometheus und ließ im Kaukasus festschmieden, wo ihn regelmäßig ein Adler aufsuchte, um von seiner Leber zu essen. Doch seine Leber erneuerte sich ständig selber und schließlich begnadete Zeus den Abtrünnigen.

Von der Smartphone-Affinität der Menschen beeindruckt kam ihm eine Idee, und weil eine Idee nichts Wert ist ohne sein Startup, dass sie in die Tat umsetzt, erstellte er eine Art Plattform erstellte, wo jeder Vollidiot seiner idiotischen Photos mit anderen Vollidioten „teilen“ kann. Von diesem Zeitpunkt an war die Menschheit dem Untergang geweiht. Das Startup expandierte schnell und Prometheus war irgendwann selbst mit seinen titanischen Kräften am Ende und sah sich gezwungen, Adam als Wissenschaftler zu einzustellen. Da sich Adam aber bisher nur der Poesie und (so viel wie gerade nötig) dem Ackerbau gewidmet hatte baute Prometheus eine Universität, um ihm Disziplin und richtige Naturbeherrschung beizubringen. Als Prometheus zu einigem Reichtum gekommen war gründete er mit dem überschüssigen Kapital weiterer Startups und stellte nach und nach auch die Frau und schließlich sogar den Ausländer ein. Da die Plattformen werbefinanziert war, brauchte Prometheus aber mehr User und ermutigte Adam und Eva, sich einerseits fleißig zu vermehren und sich andererseits dem Fortschritt zu widmen, um die Säuglingssterblichkeit zu verringern. Als Dank gewährten ihm die Menschen, persönliche Benutzerprofile zu erstellen, um effizienter werben zu können. Prometheus wiederum revanchierte sich mit neuen Features, mit denen sich wiederum mehr Daten generieren ließen. Und so weiter, und so fort.